Modernisierung in der VR China: Neue Konfliktpotentiale und immanente sowie globale Regelungsmechanismen

 

Im Human Development Report wird für die Gesellschaften des nächsten Jahrhunderts ein völlig neuer Sicherheitsbegriff prognostiziert. Der Begriff löst sich nach dieser Studie von seinem engen Bedeutungsinhalt, der sich bislang auf die kollektive Sicherheit von Staaten gegen äußere Angriffe und Krieg, konzentrierte. Zukünftig steht die Sicherheit des Individuums im täglichen Leben vor Hunger, Krankheit, Arbeitslosigkeit und politischer Repression im Mittelpunkt der Sicherheitspolitik. Diese Sicherheit läßt sich eher durch Vorsorge als durch spätere Intervention realisieren; sie ist ländeübergreifend. Sicherheit basiert damit auf die Bereitstellung der Chancen für eine nachhaltige Entwicklung aller Nationen zum Wohle der einzelnen Menschen.[1]

 

In der politischen Praxis erweist sich dieser Prozeß der Neuorientierung als äußert kompliziert, widersprüchlich und kaum umsetzbar. Davon abgesehen, das bislang kaum funktionale Mechanismen des globalen Interessenausgleichs von Einzelinteressen existieren, ist es nur sehr schwer möglich, diese Interessen zu definieren. Fast unmöglich ist ein Überblick der gegenseitigen Beeinflussung verschiedener menschlicher Einzelinteressen zu gewinnen, welcher für einen Interessenausgleich notwendig wäre. Daher ist es zumindest notwendig Bezugspunkte für einen Interessensausgleich zu gewinnen. Diese Bezugspunkte konzentrieren sich bei einer kritischen Betrachtung der gegenwärtig bekannten Problemkomplexe auf die Bereiche:

 

      Entmilitarisierung von Interessenpolitik;

      Umorientierung der Verbrauchskultur auf Kriterien der Sparsamkeit und Effektivität;

      Bekämpfung der ökologischen Katastrophe mittels der Verursacherverantwortung;

      Suche und Einführung eines nachhaltigen Entwicklungswegs;

      Institutionalisierung der gewaltfreien Verwaltung und Regelung von Konflikten zwischen Staaten und Völkern zur friedlichen Streitregulierung.[2]

 

Zusätzlich stellt sich für eine wachsende Anzahl von Menschen eine allgemeine Sinnfrage, die mit dem zunehmenden Auseinanderfallen von eingespielten Sozialbeziehungen an Dynamik gewinnt. Daher genügen es nicht, für die Schaffung einer neuen Sicherheit globale technische und institutionelle Voraussetzungen zu schaffen. Die Basis für einen neuen Sicherheitbegriff ist die individuelle Menschenwürde, oder wie die Chinesen sagen: das "Gesicht". Die Herausforderungen, die für den Westen aus China kommt, ist daher nicht, wie es vielleicht zunächst erscheint, in erster Linie eine Materielle, sondern eher eine Geistige. Aus diesen Gründen werden in der nachfolgenden Untersuchung zuerst einige Grundstrukturen des chinesischen Denkens aufgezeichnut und erst darauf aufbauend die materiellen Entwicklungen beschrieben.

 

Die ökonomischen Entwicklungen in der VR China, die bei einer linearen Weiterschreibung innerhalb weniger Jahre in die globale ökologische Sackgasse und weltweite soziale Katastrophe führen könnte,[3] sind in erster Linie durch das in seiner heutigen Form global funktionsunfähige westliche Modell vorgegeben. Die aktuelle Wirtschaftspolitik Chinas ist in der bisherigen Systemlogik kapitalistisch orientierter Marktwirtschaften jedoch, trotz eines rhetorischen sozialistischen Mäntelchens, in der westlichen ökonomischen Marktlogik richtig. Wenn das bisherige westliche Modell der Moderne, unter dem Postulat der Bereitstellung von gleichen Chancen für eine nachhaltige Entwicklung aller Nationen zum Wohle der einzelnen Menschen, global nicht umzusetzen ist, muß die Menschheit der Moderne neue Bedeutungsinhalte geben. Diese zukünftige Moderne dürfte dann nicht mehr wie bisher eine fast ausschließliche westliche Erfindung sein. Erforderlich ist daher bei einer zukunftsgerichteten Betrachtung des globalen Sicherheitsbegriffs in Bezug auf China die Analyse von zwei Bereichen mit ihren Wechselwirkungen:

 

      die soziokulturelle Besonderheiten Chinas bei der Wirtschafts- Sozial- Politikorganisation und der Konfliktbewältigung;

      die ökonomischen und sozialen Auswirkungen der chinesischen Modernisierungspolitik im nationalen, regionalen und globalen Kontext.

 

Vorraussetzung für die Schaffung einer global aktzeptierte Sicherheit und einen konstruktiven Dialog ist das gegenseitige Verstehen.[4] Daher stehen nicht nur die direkt faktisch die Sicherheit beinflussenden Entwicklungen im Vordergrund der Untersuchung. Die Ausgangspunkte sind zunächst die bislang meist vernachlässigten soziokulturellen Besonderheiten in China.

 

Das Modernisierungsmodell der VR China ist jedoch auch gleichzeitig ein Spiegel westlicher und japanischer Modelle. In allen Modellen spielt die Automobilbranche die Rolle einer wesentlichen Säule einer modernen Nationalökonomie. Auch wenn die Automobilindustrie in den westlichen Ländern sich eher zu einer Krisenbranche entwickelte, wird von multinationalen Konzernen der "Auto-zentrierte" Entwicklungsweg für ganz China propagiert. Aufgrund dieser unreflektierten Übertragung können sich gewaltige regionale und globale Zerstörungspotentiale herausbilden. Daher wird nachfolgend wiederholt als praktisches Beispiel für die Entwicklungen in der VR China der Bereich der Automobilbranche analysiert.

 

1. Der chinesische Weg der Transformation

 

In den westlichen Modernisierungstheorien konnten die besonderen Entwicklungspotentiale der chinesischen Ökonomie und Gesellschaft kaum gesehen werden, da die besonderen historischen und kulturgeschichtlichen Grundlagen weitgehend ausgeblendet blieben.[5] Damit stellt sich die Frage nach der Eigenart der chinesischen Kultur. Die spezielle chinesische Kultur liefert besondere Ausgangsbedingungen für die ökonomische Entwicklung und ein passendes Modernisierungskonzept; aussagekräftig in Bezug auf die Wirtschaftsentwicklung ist Kultur jedoch nur bei Beachtung ihrer dynamischen Verwobenheit mit anderen Gesellschaftsbereichen. In erster Linie sind sozioökonomische Entwicklungen für die besonderen Wirtschaftsentwicklungen in den ostasiatischen Staaten verantwortlich, erst danach spielen rein kulturelle Gegebenheiten eine Rolle.[6] Die besonderen kulturellen Grundlagen in China erzeugen dabei in Teilen des sozioökonomischen Systems ein Rationalitätssystem, das sich von westlichen Vorbildern unterscheidet. Deshalb ist die Beachtung der Eigenheiten des chinesischen Weltbildes eine Voraussetzung für die Analyse der chinesischen Modernisierungskonzepte.

 

Die gemeinsamen Grundlagen der geistigen chinesischen Auffassungen über Weltbild, Ethik, Staatswesen und Wissenschaften faßte der niederländische Sinologe de Groot als "Universismus" zusammen. Nach den Definitionen des chinesischen Universismus steht im Zentrum dieser Lehre das Universum mit all seinen Erscheinungen und Teilen, das in seiner Gesamtheit bestrebt ist, Harmonie von Himmel, Erde und Mensch herbeizuführen. Die Harmonie in dieser idealen Ordnung stellt stellvertretend für den Himmel der chinesische Idealherrscher dar, der "Himmelskönig" (Tianwang), später "Himmelssohn" (Tiandi) genannt. Dieses Weltgesetz , das sich in Natur, Moral und Ritus ausdrückt, hat sein Grundprinzip im "Dao" (wörtlich übersetzt Weg oder Bahn); als Hauptvertreter dieser Schule gilt Laotse (angeblich 604-517 v. Chr.). Etwa 500 v. Chr. spaltete sich der Universismus; neben dem Daoismus entwickelte sich der auf Konfuzius (551-479) zurückgeführte Konfuzianismus. Zu diesen beiden einheimischen Lehren kam, angeblich im Jahre 61 n. Chr., aus Indien der Buddhismus, der nach langen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Schulen mit dem Universismus verschmolz, sinniert wurde.[7]

 

Ein ausführliche Einführung in die kulturhistorische Welt soll hier nicht vorgenommen werden. Von Interesse bei der Beschäftigung mit der chinesischen Kultur ist der völlig unterschiedliche Ansatz westlicher und chinesischer Kulturtheoretiker: Während westliche Wissenschaftler die chinesische Kultur nach den Schulen (Daoismus, Konfuzianismus, Buddismus) aufteilen, ist das Vorgehen chinesischer Wissenschaftler eher von einer Betrachtung der Gesamtinhalte geprägt. Diese konzentrieren sich hauptsächlich auf:

 

1.             Betonung des Gruppengeistes.

2.             Harmonischer menschlicher Umgang.

3.             Betonung der Pflichten vor den Rechten.

5.             Achtung vor der Bildung.[8]

 

Dieses "dauistisch-konfuzianistische Wertesystem" bildet die Grundlage für das Verständniss der speziellen Form chinesischer Sozial- und Unternehmensorganisation.

 

 

 

 

 

 

 

Schaubild: Chinesische Kultur - das verbindende Element

 

 

 

Diese kulturgegebene Form bildet die Basis des chinesischen Modernisierungskonzepts. Ausländische Erfahrungen werden dabei nach dem Motto "Chinesisches als Grundlage, ausländisches zum praktischen Gebrauch in das Eigene mit einbezogen.

 

 

Schaubild: Bestimmungsfaktoren des Modernisierungskonzepts der VR China

 

 

 

 

1.1. Der spezifische Umgang mit Wissenschaft in der VR China

 

Im Mittelpunkt der traditionellen chinesischen Philosophien und Wissenschaften steht der Mensch - nicht die Naturwissenschaften. Der Mensch wird weniger als Individuum, mehr als soziales Wesen, als Teil einer Gemeinschaft gesehen. In der Betrachtung zerfallen der Mensch und die Gesellschaft kaum in eine Vielzahl von Einzelteilen, sondern ein ganzheitlicher Ansatz herrscht vor. Die Fragestellungen von Wissenschaft und Forschung orientieren sich weniger an dem, was möglich ist; ein pragmatischer Ansatz der gesellschaftlichen Notwendigkeiten herrscht vor.[9] Die Formulierung von Naturgesetzen spielte in der chinesischen Wissenschaftstradition nur eine marginale Rolle. Die chinesische Wissenschaft ist ausgehend von einem induktivsynthetischen Erkenntnismodus eher eine Beziehungswissenschaft.

Für eine technische Modernisierung bedeuten diese Grundlagen ein gewaltiges Entwicklungshemmnis. Der Naturwissenschaftler im Westen ist eher ein eigenwilliger Erfinder, der die Natur auseinanderpflückt und neu wieder zusammensetzt. Technik entwickelt sich im Westen in Innovationssprüngen in einem weitgehend als wertfrei angesehenen Raum. Der einzelne Wissenschaftler fühlte sich für die Anwendung in der Regel kaum verantwortlich, da Technik Fortschritt bedeutet und Fortschritt positiv besetzt ist.[10] 

 

Zweifel an dieser westlichen, technokratischen Fortschrittsgläubigkeit sind jedoch auch im Westen so alt wie die Technik selbst.[11] In der westlichen industriellen Entwicklung führte jedoch erst der unmenschliche Terror, der vor und im Zweiten Weltkrieg von den faschistischen Staaten ausging, zu einer breiteren Auseinandersetzungen mit dem technisch geprägten Fortschrittsbegriff. Horkheimer und Adorno beschrieben in "Dialektik der Aufklärung", daß die weitgehende Loslösung der Technikentwicklung und -verwendung von der gesellschaftlicher Kontrolle dazu geführt hat, daß die Menschheit technische Mittel besitzt, mit denen sie gesellschaftlich nicht umgehen kann, was in die Barbarei, in den Faschismus mündet.[12] Viele im Zweiten Weltkrieg in das Atombombenprogramm eingebundene Wissenschaftler setzten sich damit auseinander, daß mit der Atombombe nicht nur der Faschismus besiegt, sondern in anderen Zusammenhängen auch das Ende der Menschheit eingeläutet werden könne. In der Nachkriegsrealität gingen solche Zweifel angesichts des "Wirtschaftswunders" und zunehmenden Wohlstands im Westen unter. Eine Renaissance erlebt nun die Beschäftigung mit den Zusammenhängen zwischen Technik und Gesellschaft nicht nur durch die scheinbar irrationalen Kriege in Europa und dumpfen Nationalismus, sondern, insbesondere in den Führungsetagen westlicher Unternehmen, wegen der globalen Erfolge japanischer Firmen und der zunehmenden Weltmarktkonkurrenz ostasiatischer Schwellenländer.

 

Wesentlich für den Umgang mit Wissenschaft und Technik in Japan, Korea und China ist nicht, welche Technik in einem Betrieb verwendet wird, sondern wie die Menschen im Betrieb zusammenarbeiten und mit der Technik umgehen. Die Arbeit wird weniger analytisch aufgeteilt, in verschiedene Fachabteilungen nach unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, sondern mehr ganzheitlich und problembezogen in verantwortlichen Gruppen geleistet.

 

Gegenüber der Übernahme westlicher Wissenschaftsproduktion herrscht tendenziell eine Blockade durch die starren Schriftzeichen, eine "sprachliche Isolierung".[13] Das Wort "Menschenrecht" beispielsweise existiert erst seit den achtziger Jahren in der chinesischen Sprache. Über die Bedeutung dieser und vieler anderen neu übernommenen Begriffe für China besteht nicht nur in politischen Kreisen meist keine Klarheit. In den für Neuübersetzungen von ausländischen Begriffen notwendigen Neuzusammensetzungen von seit Jahrtausenden vorhandenen Einzelzeichen lieft eine gewaltige semantische Tiefenschärfe, die eine Sinisierung der ausländischen Begriffe durch den in den Zeichen angelegten Verweis auf die eigene kulturhistorische Tradition fördert.[14]

 

In der chinesischen Schriftsprache existiert keine Flexion der einzelnen Wörter, daher tendiert die Satzformung zu einer logischen Undurchsichtigkeit. In der Grundstruktur denken Chinesen natürlich genauso logisch wie beispielsweise Europäer, die Gedanken werden dagegen sehr unterschiedlich ausgedrückt. In der chinesischen Schriftsprache sind die Äußerungen kurz auf das wesentliche beschränkt. Bestandteile eines Gedankenganges, die für Europäer notwendig erscheinen, werden weggelassen. Für Kenner der chinesischen Schrift und Kultur sind sie aus dem Kontext oder dem allgemeinen Hintergrundwissen nachvollziehbar. Die Ausdrucksweise ist in die soziale Einbettung des Menschen, in seine Umgebung, in die Struktur des Soziallebens und den zwischenmenschlichen Beziehungen stärker als im Westen eingebunden. Mit der chinesischen Sprache können Gefühle wesentlich exakter als mit der deutschen Sprache ausgedrückt werden, sie besitzt jedoch nicht die Schärfe und Exaktheit der Aussage für technische Begriffe, die der deutschen Sprache eigen ist.[15]

 

Am Beispiel des chinesischen Begriffs für Vernunft (lixing, auch mit Verstand oder Rationalität zu übersetzen) läßt sich dies verdeutlichen. Dieses Wort setzt sich aus zwei Zeichen zusammen: li bedeutet Faserung oder Maserung (z.B. von Holz), ist ein Begriff für ewige Vernunft und für Naturwissenschaft. Xing bedeutet Charakter, Natur, Veranlagung und ist ein Begriff für die menschliche Natur. Für die Vernunft steht im Chinesischen dadurch die Verbindung aus dem unabänderlichen ewigen Naturgesetz und der veränderlichen, anpassungsfähigen menschlichen Natur. Während sich der westliche Geist damit zufriedengibt, das eine Behauptung logisch in Ordnung ist, muß sie im chinesischen Denken zusätzlich noch mit der menschlichen Natur übereinstimmen.

 

Im westlichen Kulturkreis ist das Denken geradlinig auf das Denkziel oder den sich erst durch die laufenden Überlegungen ergebenden Resultate gerichtet. In China wird das Erkenntnisziel als Ganzes zunächst zergliedert, um alle damit zusammenhängenden, insbesondere auch informell-verborgene, Beziehungen herauszufinden. Die einzelnen Gedankenstränge werden anschließend um den Kern des Problems angeordnet. In der ostasiatischen Denkweise wird damit das Erkenntnisziel nur sehr selten verfehlt, sie ist jedoch häufig nicht besonders präzise und bewegt sich im Ungefähren. Die geradlinige abendländische Denkweise ist präzise auf das Erkenntnisziel gerichtet, kann jedoch leicht daran vorbeischießen oder durch Hindernisse aufgehalten werden.[16]

 

Schaubild: Denkweise in Ostasien und in Europa

 

 

 

 

 

 

 

Das Grundprinzip eines pragmatischen Umgangs mit Wissenschaft im daoistisch-konfuzianistischen[17] Wirtschaftsraum zeigt recht unterschiedliche nationale Ausprägungen. In der VR China führte die Übernahme des sowjetischen Bildungs- und Wissenschaftssystems zu einer engen Spezialisierung. Kreativität war in dem zentralistisch-planwirtschaftlichen System überwiegend darauf beschränkt, die vorgegebenen Aufgaben bestmöglichst im Sinne der vorgesetzten Dienststelle zu erledigen. Durch die enge Anbindung der einzelnen Hochschulen und Universitäten konnte zwar ein Praxisbezug hergestellt werden, die enge Anbindung verstärkte jedoch auch die Spezialisierung der Wissenschaftler.[18] Diese Spezialisierung führt bei der Umsetzung des aktuellen Modernisierungskonzepts zu zwei großen Problembereichen:

 

    Die Flexibilität der einzelnen Wissenschaftler und der Wissenschaftsdisziplinen genügt nicht den Erfordernissen der sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft und Wirtschaft.

    Bei den durch die dynamischen Entwicklungen entstehenden neuen und weitergehenden Problemkomplexen sind Wissenschaftler in der VR China oft überfordert.

 

Eine Anknüpfung an die Tradition der eigenständigen, chinesischen Wissenschafts- und Technikgeschichte[19] kann diese Problemkomplexe abschwächen. Die chinesische Wissenschaftstradition schuf zusammen mit verschiedenen anderen Wissenschaftstraditionen grundlegende Voraussetzungen für den Durchbruch zur universellen modernen Wissenschaft.[20] Durch die regional unterschiedlichen soziokulturellen Gegebenheiten gelang dieser Durchbruch jedoch zuerst in Europa. In der VR China entwickelt sich zur Zeit eine neue spezifische Ausprägung des Wissenschaftsverständnisses. Nachdem sich mit den Lernexperimenten während der sinokommunistischen Revolution und später während der Kulturrevolution gewissermaßen die sinisierten Antithesen traditioneller konfuzianistischer Erziehungs- und Wissenschaftstradition bildeten, entsteht im Zuge der gegenwärtigen Reformpolitik ein Mittelweg als Synthese beider Traditionen.[21] Die intern bestimmten Veränderungen der chinesischen Wissenschaftsstruktur und des Wissenschaftsverständnis beschleunigen sich mit der zunehmenden Zusammenarbeit mit dem Ausland[22] und mit der Rückkehr junger qualifizierter Studenten aus westlichen Ländern und Japan, die entgegen der Tradition auch im Wissenschaftsbereich oft in Führungspositionen eingesetzt werden.

 

Damit weichen in China einige Entwicklungsblockaden für eine innovative Wissenschaft auf. Mit ausländischen Wissenschaftlern und jungen, im Ausland ausgebildeten chinesischen Wissenschaftlern kommt auch der innovative Geist der Freiheit der Wissenschaft nach China. Diese Freiheit ermöglicht zukünftig eine Weiterentwicklung des Lernens durch Fehler, das bis jetzt durch die Angst vor Gesichtsverlust stark behindert wird. Mit der gesellschaftlich gegebenen Schätzung eines lebenslangen Lernens entsteht damit zur Zeit in der VR China eine grundlegend neue Wissenschaftsstruktur.

 

In dieser neue Struktur könnte eine Versöhnung chinesischer Wissenschaftstradition und westlichem Wissenschaftsverständnisses stattfinden.[23] Mit einer strukturellen Einbindung der wissenschaftlichen Innovationen in die spezielle gesellschaftliche Dynamik der VR China würde die bisherige Blindheit des technokratischen westlichen Wissenschaftsverständnis gebrochen. Grundlage dafür wäre die Etablierung von unabhängigen Sozialwissenschaften in der VR China.

 

 

 

 

1.2. Überstaatlicher Regionalismus: Greater China

 

In der chinesischen Kultur sind formale Institutionen nicht der grundlegende strukturelle Ausdruck der von den Individuen wahrgenommenen gesellschaftlichen Realität. Formale Institutionen werden geprägt von persönlichen informellen Netzwerken, stehen tendenziell in ihrem Dienst. Daher können die formalen Institutionen oft eine ganz andere Bedeutung erlangen, als nach ihrer offiziellen Definition vorgesehen ist.

 

Die informellen Abläufe ermöglichen eine weitgehende Flexibilität, wenn es darum geht, Ziele einer Unternehmung zu erreichen. Aus der Sicht formal gegliederter Organisationen irrationale Abläufe können sich dabei als leistungsfähiger für die Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit einer Organisation herausstellen als formelle Regelungsmechanismen. Dies gilt nicht nur für die informelle übernationale Zusammenarbeit im Wirtschaftsraum "Greater China", sondern auch für die Funktionsweise der "Guanxi-Unternehmen" und die Sozialorganisation der "Danwei".

 

Die ökonomische Modernisierung der VR China geschieht zunehmend in einer regionalen, übernationalen Zusammenarbeit. Von besonderer Bedeutung ist dabei der neuentstehende Wirtschaftsraum "Greater China". Die Existenz dieses Wirtschaftsraums zeigt sich unter anderem im Bereich der Investitionen. Nach einer Veröffentlichung von Liaowang stammen 90,31 Prozent aller bis Ende 1992 in der VR China realisierten ausländischen Direktinvestitionen aus Hongkong, Macao oder Taiwan. Nach offiziellen Angaben ist dieser Anteil niedriger; hierbei sind jedoch insbesondere Investitionen aus Taiwan nur zum Teil erfaßt. Zusätzlich wird auch ein erheblicher Teil der Investitionen aus den westlichen Industrieländern und Ostasien unter wesentlicher Beteiligung chinesischer Mitarbeiter und durch Unternehmen von Auslandschinesen realisiert. Die Öffnung gegenüber dem Ausland ist damit in erster Linie eine Öffnung für den "chinesischen Westen".[24] 

Zum Wirtschaftsgebiet "Greater China" bestehen keine schriftlich festgelegten Verträge und formalen Abkommen. Selbst das Gebiet ist nicht eindeutig definiert. Im engeren Sinne wird darunter das Wirtschaftsdreieck VR China-Hongkong-Taiwan verstanden. In weiter gefaßten Definitionen sind darunter zusätzlich auch Wirtschaftskontakte von Auslandschinesen mit ihrem "Mutterland" gemeint. Unter den für China typischen kulturhistorischen Bedingungen stellt das Fehlen formeller Verträge und eindeutiger Definitionen keine entwichlungshemmende Unsicherheit dar. "Greater China" funktioniert vielleicht gerade deshalb mit den weltweit höchsten Wachstumsraten, weil dieser Wirtschaftsraum eine informelle Institution ist.[25]

 

Die chinesische Kultur ist das verbindende Element dieser "grenzenlosen" Wirtschaftsintegration. Zusätzlich können durch die gemeinsamen kulturellen Grundlagen die negativen Auswirkungen der Regionalisierungstendenzen in der VR China zu einem Teil aufgefangen werden. Die Wirtschaftsintegration in "Greater China" unterscheidet sich damit grundlegend von europäischen oder nordamerikanischen übernationalen Formen der Wirtschaftszusammenarbeit. Herrman-Pillath illustrierte dies in einem Vergleich mit der europäischen Integration in der EG. Mit verbindlichen gesetzgeberischen Maßnahmen bereiten europäische Politiker einen Abbau bestehender institutioneller Schranken für einem freien Fluß der Güter, des Kapitals und der Staatsbürger der Mitgliedsländer vor. Der formale Wandel steht hier vor dem institutionellen Wandel. In der VR China verläuft die Entwicklung eher umgekehrt. Trotz zahlreicher Beschränkungen und Hemmnisse für eine Wirtschaftszusammenarbeit mit Taiwan entwickelt sich die praktische und persönliche Zusammenarbeit in vielfältiger Weise und mit enormer Geschwindigkeit. Die formellen Veränderungen laufen hier den realen Entwicklungen hinterher; legitimieren oft erst nachträglich bereits Entstandenes.[26] Die Entwicklungen in "Greater China" sind, da nicht nur auf den Handelsbereich beschränkt, mit traditionellen handelspolitischen Instrumenten kaum zu erfassen.[27]

 

Durch die weltweit höchsten ökonomischen Wachstumsraten und nach Neudefinitionen der Berechnungsgrundlagen der Wirtschaftskraft von Nationalökonomien gewinnt die chinesische Wirtschaft aus globaler Sicht an Bedeutung. Mit der Einführung neuer Berechnungsgrundlagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf Basis des Vergleichs der Kaufkraft rückte die VR China von der zehntgrößten Volkswirtschaft auf den dritten Platz auf. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1,7 Billionen US$ übertreffen nur noch die Nationalökonomien der USA und Japans Chinas Wirtschaftsleistung.[28] Die Weltbank betrachtet bereits "Greater China" (die VR China mit Hongkong und Taiwan als zukünftig zusammengehörigen Wirtschaftsraum) und schätzt, daß dieser Wirtschaftsraum im Jahre 2000 in der Bedeutung vor den USA liegen wird. Pro Kopf der Bevölkerung wird dies allerdings auch dann nur etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung von US-Amerikanern, Westeuropäern oder Japanern sein.[29] Auch wenn die Berechnungsmethoden für den Vergleich der wirtschaftlichen Leistungskraft einer Nationalökonomie sehr unterschiedlich sind, was in der folgenden Übersicht verdeutlicht wird, ist Dynamik der ökonomischen Entwicklung in der VR China klar zu erkennen.

 

Tabelle: Alternative Berechnungen des Bruttosozialprodukts pro Kopf in der VR China (in US$)

 

 

1.

2.

3.

4.

5.

1978

221

222

136

365

 

1979

264

236

144

386

 

1980

302

251

154

404

 

1981

280

259

158

417

 

1982

270

277

169

448

 

1983

286

302

185

487

 

1984

289

342

209

550

 

1985

277

380

232

604

 

1986

264

405

247

641

 

1987

281

442

270

696

 

1988

343

484

296

754

 

1989

374

497

304

770

 

1990

324

510

312

787

 

1991

328

545

333

855

 

1992

372

608

372

987

326

 

1.: Nominelles BSP pro Kopf zu laufenden Preisen und umgerechnet nach dem offiziellen Wechselkurs.

2.: BSP pro Kopf in konstanten Preisen von 1978 und umgerechnet nach dem RMB/US$-Wechselkurs von 1978.

3.: BSP pro Kopf in konstanten Preisen von 1992 und umgerechnet nach dem RMB/US$-Wechselkurs von 1992.

4. BSP pro Kopf rekonstruiert nach Jefffrey Taylor; Basis: US$/1981 (Jeffrey R. Taylor, Dollar GNP Estimates for China, Center for International Research, US Bureau of the Census, Washington D.C., CIR Staff Paper No. 59, S. 8.)

5. BSP pro Kopf umgerechnet nach einem durchschnittlichen Swap-Wechselkurs vom Frühjahr/Sommer 1992.

Zahlen nach: Carsten Herrmann-Pillath, Wirtschaftsintegration in China. Ökonomische. politische und gesellschaftliche Perspektiven der Beziehungen zwischen Taiwan und der Volksrepublik China, Bonn 1994, S. 32.

 

Selbst wenn sich die Wachstumsgeschwindigkeit nur mit halber Dynamik fortsetzt, ist China nach den aktuellen Prognosen noch vor dem Jahre 2020 die führende Wirtschaftsmacht der Erde. Zur Zeit gewinnt die Entwicklungsdynamik jedoch eher noch an Geschwindigkeit. Das chinesische Bruttosozialprodukt stieg in den ersten neun Monaten 1994 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 11,4 Prozent auf 2.607,5 Milliarden Yuan. Der Bruttoproduktionswert der Industrie stieg in diesem Zeitraum wie bereits in den Vorjahren überdurchschnittlich um 16,6 Prozent auf 1.115,8 Milliarden Yuan. In den leitenden Stellungen des Landes gewann in den letzten Jahren technokratisch ausgerichtete Modernisierungsanhänger die Oberhand, und bei der Bevölkerungsmehrheit werden zwar die mit der Reform auftretenden Probleme beklagt, die Reform selbst aber kaum in Frage gestellt.[30]

 

Die VR China wird jedoch durch die Regionalisierung innen- und weltpolitisch immer undurchsichtiger und unberechenbarer, da die faktischen Machtmittel der Zentralregierung an Wirkung verlieren. Die Integration in die Weltwirtschaft und in Greater China verläuft in der VR China regional äußerst differenziert. Die unterschiedliche Entwicklung erzeugt große soziale Probleme, insbesondere die innerchinesische massenhafte Migration und zunehmende Arbeitslosigkeit sind negative Folgen dieser ungleichgewichtigen Entwicklung. Die sozialen Probleme werden zunehmend durch ökologische Probleme verstärkt und überlagert. Einer extremen Zuspitzung dieser negativen Entwicklungen könnte eine gewaltige gesellschaftliche Sprengkraft freisetzen, die zu einem politischen Zerfall des Landes führen könnte.[31]

 

Die Wirtschaftsregion "Greater China" ist gleichzeitig eine der wichtigsten Vorraussetzungen für den weltweiten Bedeutungsgewinn der VR China als Weltwirtschaftsmacht und wesentliches Hindernis bei der Umsetzung eines zentralsttatlich organisierten und Weltmachtanspruchs. Insbesondere die außerhalb der VR China befindlichen Akteure sind weitgehend unabhängig von verbindlichen politischen Vorgaben der Zentralregierung aus Beijing.

 

 

 

1.3. Produktion und Gesellschaft: informelle Netzwerkorganisation

 

Ähnliche Strukturen wie bei der überstaatlichen Zusammenarbeit prägen auch die zwischenbetriebliche Zusammenarbeit. Beide Bereiche sind in ihrer Grundwirkungsmechanismen von besonderen soziokulturellen Hintergründen geprägt. In der VR China wirkten diese bis vor wenigen Jahren jedoch nur unterschwellig, wesentlich für die formalen Zusammenarbeitsstrukturen zwischen Einzelunternehmen waren bislang die aus der Sowjetunion übernommenen bürokratischen Organisationsprinzipien.

 

Grundtypus des chinesischen Unternehmens ist das Familienunternehmen, das in ein persönliches Beziehungsnetzwerk (Guanxi-Netzwerk) eingebunden ist. In der Grundstruktur setzt sich der informelle innere Kreis der faktischen Leitung des Unternehmens aus der verzweigten Familie oder dem Clan zusammen. Zur Machtabsicherung, Kapitalrekrutierung oder Erweiterung des Geschäftes werden auch nicht-blutsverwandte Partner in den informellen Führungskreis aufgenommen, quasi adoptiert.

 

Formale Leitungsstrukturen sind in der Regel nur schwach entwickelt und spielen eine untergeordnete Rolle. Durch die gegenseitigen persönlichen Verpflichtungen bestehen jedoch langfristig stabile und festumrissene Ordnungsicherheiten in den Unternehmen. Das formelle Management spielt bei den grundlegenden Entscheidungen zur Unternehmenspolitik eine untergeordnete Rolle. Ihm unterliegt nur die operationelle Durchführung (jingli); die entscheidende Kontrolle (dongshi) liegt bei dem Guanxi-Netzwerk. Die sozialen Beziehungen sind somit bestimmend für die ökonomischen Abläufe. Machetzki spricht von einer "Verschmelzung" des homo economicus und homo sociologicus in diesen Guanxi-Unternehmen.[32]

 

Anschaulich wird diese Grundstruktur bei einen Vergleich mit der Organisation von Unternehmensgruppen in Taiwan. In Taiwan entwickelten sich informelle Unternehmensgruppen (guanxi qiye), die ohne einen rechtlich oder vertraglich abgesicherten Rahmen als eine Art Konzern zusammenwirken. Die Loyalität wird durch persönliche Beziehungen -häufig Verwandschaftsbeziehungen- zwischen den Eigentümern der Unternehmen und einem Patron des leiteten Unternehmens der Gruppe hergestellt. In den guanxi-qiye bestehen keine verbindlichen und genauen Abgrenzungen oder Zusammenarbeitsdefinitionen. Dies wirkt sich flexibilitätsfördernd auf die praktische Zusammenarbeit aus. Obwohl diese Unternehmenszusammenschlüsse formal nicht existieren, sind sie in der Wahrnehmung der Taiwaner ein fester Bestandteil der eigenen Wirtschaftsstruktur; über diese informellen Unternehmensgruppen erscheint sogar ein Jahrbuch.[33]

 

Die vorliegenden Untersuchungen zu den chinesischen "Guanxi-Unternehmen" beschränken sich fast ausschließlich auf Taiwan, Hongkong, Singapur und auslandschinesische Unternehmensnetzwerke. In der grundlegenden Untersuchung über chinesische Unternehmen von Redding ist dies beispielhaft begründet:

"It is however important to draw a line and make clear that this book is not about China now, and will only make passing reference to what is happening there. There will be more substantial consideration, at the end, of possible implications for, even possibly strong influence on, a notional future China, but our agenda here is the Chinese as capitalists, not as communists or socialists."[34]

 

Die innere Logik chinesischer Unternehmensnetzwerke wirkt jedoch weitgehend unabhängig der politischen Systemhülle; Beispiele dafür sind in dem anschließenden Kapitel zur "Danwei" in der VR China beschrieben. Watson berichtet von der zunehmenden Unternehmenstätigkeit von Kadern im ländlichen Bereichen der VR China. Diese stehen an der Spitze eines Patronagenetzwerkes. Die Kaderunternehmen nutzen für ihre Unternehmertätigkeiten ihre politische Macht und kontrollieren zudem die Verteilung wichtiger Leistungen und Güter. Damit geraten sie als Privatunternehmer in Widerspruch zu ihrer politischen Funktion und zu den Vorgaben der öffentlichen Verwaltung. In diesem Interessensgegensatz zwischen unternehmerischer Freiheit und staatlichen Entwicklungsvorgaben dürfte sich diese Netzwerkstruktur weiterentwickeln.[35] Die Grundstruktur chinesischer Unternehmensnetzwerke konnte auch bei Zulieferunternehmen für die Automobilindustrie in der VR China gefunden werden. Hier übernimmt ein einflußreicher Kader mit einem dichten Netz verwandtschaftlicher und persönlicher Beziehungen die Funktion des Patrons.[36]

 

Unternehmen aus der VR China werden im Zusammenhang mit chinesischen Unternehmensnetzwerken hauptsächlich bei ihren Aktivitäten in Hongkong untersucht. Informelle Netzwerke organisieren dort die Übertragung von Macht von der Hongkonger Kolonialverwaltung an die Kommunistische Partei. Dieser Transfer läuft beispielsweise in Unternehmenskooperationen zwischen Institutionen der VR China und den einflußreichsten Geschäftsleuten der Kronkolonie.[37] Über die Wirkungsweise von "Guanxi-Unternehmen" in der VR China liegen bis jetzt nur Untersuchungen vor, die sich auf faktische Kriterien wie Kapitalbeteiligung und Geschäftsbereiche konzentrieren. Die diese Unternehmen eigentlich bestimmenden informellen Abläufe bleiben unterbelichtet.[38] Bei der Untersuchung von Netzwerken in der VR China steht die politische Kulturforschung im Vordergrund des Interesses. Die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fraktionen innerhalb der KPCh werden in diesen Untersuchungen auf personelle, kulturell tradierte Loyalitäts- und Abhängigkeitsverhältnisse zurückgeführt.[39] Eine Ausweitung dieser Untersuchung auf die internen Wirkungsweisen der "Guanxi-Unternehmen" in der VR China unterblieb weitgehend. In eigenen Feldstudien war zu beobachten, daß beispielsweise die Joint Ventures der chinesischen Automobilindustrie mit ausländischen Partnern in den regionalen Zusammenschlüssen der chinesischen Automobilindustrie als Fremdkörper wirkten, nicht zur "Familie" gehörten.

 

Dieser zweckbezogene, tendenziell ganzheitliche Rationalitätsbegriff prägt auch südkoreanische und japanische Unternehmen. Das chinesische Guanxi-Unternehmen verfügt jedoch im Unterschied zu japanischen oder südkoreanischen Betrieben in der Regel nur über eine relativ kleine Personalbasis. Im Unterschied zu den japanischen Konglomeratskonzernen ist auch ein abgestimmtes, korporatives Vorgehen, beispielsweise zur Erschließung von Auslandsmärkten, unüblich. Loyalität besteht nur gegenüber der Familie und dem daraus resultierenden Guanxi-Netzwerk. Bei staatlichen Repressionen kann dieser Rahmen auch erweitert werden; im Prinzip handelt sich es dabei jedoch nur um eine Erweiterung des eigenen Guanxi-Netzwerkes. Wirkliche Kooperation findet darüber hinaus bei dem regen Informationsaustausch statt, der weitgehend über informelle Kanäle läuft, die in die Sozialbezüge umfassender Gruppen, beispielsweise landsmanschaftlicher Verbindungen, integriert sind.[40] 

 

In der VR China sind die einzelnen Danweis mit "xiongdi danweis" (Jüngerer Bruder-Einheiten) verbunden, die besondere Aufgaben, beispielsweise die Nahrungsmittelversorgung oder die medizinische Versorgung für die Danwei übernehmen.[41] Die praktische Zusammenarbeit ist noch stark bürokratisiert. Durch den Bedeutungszuwachs nichtstaatlicher Unternehmenstypen im ökonomischen Reformprozeß, der anstehenden Unternehmensreform der staatlichen Unternehmen und die sich intensivierende Zusammenarbeit mit "Guanxi-Unternehmen" im Wirtschaftsraum "Greater China" gewinnen jedoch auch in der VR China informelle Zusammenarbeitsstrukturen weiter an Bedeutung.

 

Angeregt durch die vermeintlichen Erfolge der Organisationsweise japanischer Unternehmen läuft seit einigen Jahren in den westlichen Ländern eine wissenschaftliche Diskussion über die Funktionsweise und die besonderen Potentiale von informellem Unternehmenszusammenschlüssen und strategischen Unternehmensallianzen.[42] In neueren Untersuchungen sind die ungeschriebenen Abläufe in diesen Zusammenschlüssen wesentliche Bestimmungsgrößen ökonomischer Abläufe. In einer OECD-Studie werden informelle Netzwerke als drittes Transaktionsregime bezeichnet.[43] Neben der traditionellen Sicht vom Markt als einen unter einem festgelegten Regime mit formalen Institutionen wirkenden Motor der Wirtschaftsentwicklung und von Wirtschaftsanalysen unter der Prämisse von hierarchisch regulierten Prozessen innerhalb der formalen Unternehmensorganisation bilden in diesen Theorien informelle Abläufe eine wesentliche Analysegrundlage.

 

Als wesentliche Grundlagen dieses dritten Transaktionsregimes sieht Herrmann Pillath:

 

    die sich gegenseitig ergänzenden Fähigkeiten der in einem informellen Netzwerk zusammengeschlossenen Personen und Gruppen;

    persönliche Beziehungen als Verständigungsgrundlage auf Basis des gegenseitigen Nutzens und des persönlichen guten Rufs;

    eine sehr hohe innere und äußere Flexibilität;

    eine hohe Identifizierung und Selbstbindung der Beteiligten an die gemeinsamen Netzwerkverpflichtungen

    die Betonung des gegenseitigen Nutzens auf Grundlage der gegenseitigen Abhängigkeit.[44]

 

Im Unterschied zu westlichen Familienunternehmen besteht im Zeitablauf nur eine geringe Tendenz zur Profesionalisierung der Unternehmen und Bürokratisierung der Arbeitsabläufe. Die chinesischen Unternehmensnetzwerke sind auch weniger in mächtige Gruppen eingebunden, als vergleichbare Unternehmen in Japan, die dort überwiegend die Basis der soga-shosha oder keiretsu bilden.[45]

 

Ein großer Teil der in der VR China zur Zeit Millionenfach entstehenden neuen Klein- und Mittelbetriebe weisen die Struktur chinesischer Unternehmensnetzwerke auf. Über "Greater China" besteht zudem in der informellen Netzwerkstruktur chinesischer Unternehmen eine internationale Verflechtung. In der zwischenbetrieblichen Zusammenarbeit schaffen diese chinesischen Unternehmensnetzwerke mit den sich zur Zeit neu herausbildenden großen Industriekonzerne eine grundlegend neue Industriestruktur.

 

Voraussetzung für eine aussagekräftige Analyse von Unternehmensnetzwerken in der VR China ist die Aufarbeitung dieser internen soziokulturell bedingten Zusammenarbeitsstrukturen. Auf diesem Gebiet erschließen sich der Chinaforschung neue und wichtiger werdende Tätigkeitsfelder. Daß diese "Guanxi-Unternehmen" aufgrund spezieller soziokultureller Hintergründe funktionieren, läßt sich auch daraus schließen, daß in den "Guanxi-Unternehmen" die interne Zusammenarbeit der in Einzelbetrieben Beschäftigten nach ähnlichem Muster abläuft. Die Basis dieser speziellen Zusammenarbeit bildet in der VR China die "Danwei".

 

 

 

1.4. Von der "Danwei"-Sozialorganisation zum wurzellosen Wanderarbeiter?

 

Weiterhin bestimmend für die Sozialbeziehungen ist in der VR China die aus den traditionellen dörfliche Clanstrukturen beruhende Form des alltäglichen Zusammenlebens, das auf der "Danwei" (Einheit) beruht. Die Dorfdanwei ist nach Strukturen, welche tief in der chinesischen Geschichte verankert sind, organisiert. Städtische Danweis sind ebenfalls nach diesen Mustern organisiert. Die Danweis sind nach chinesischer Auffassung Säulen einer direkten Demokratie; die "Volksherrschaft" ist hier nicht individuell, sondern auf Gruppen bezogen. Diese wird jedoch durch zentrale Kampagnen, Eingriffe und Vorgaben von Parteikadern übergeordneter Einheiten immer wieder eingeschränkt. In der Regel fällt Wohnen und Arbeiten in der VR China in der Danwei zusammen. Fast jedes Unternehmen, Behörde oder Institut hat sein eigenes "Dorf", größere Städte bestehen aus vielen tausend Einzeldörfern. Dies wirkt sich, wie später darzustellen ist, auf die Form der Arbeitsbeziehungen in den Betrieben der VR China, aber auch auf die Strukturen der zwischenbetrieblichen Zusammenarbeit aus.[46]

 

Die Zusammenarbeit zwischen den sich mit der Zunahme von Marktmechanismen neu herausbildenden"Guanxi-Unternehmen" und die Arbeitsbeziehungen in den einzelnen Betrieben sind in China nach den Grundmustern traditioneller Familienbeziehungen organisiert. Ähnliche Grundmuster prägen auch das politische System. "Guojia", der chinesische Begriff für Staat, bedeutet in der wörtlichen Übersetzung "Staatsfamilie". Dieser Begriff drückt den konfuzianistischen Vorstellung zugrundeliegenden traditionellen Paternalismus des chinesischen Herrschaftssystems aus. Dem Kaiser war als "Sohn des Himmels" das Wohl der Landeskinder anvertraut. Als fiktiver Vater handelten die Kaiser und als ihre Stellvertreter die Mandarine in einem nach dem Muster von Familien organisierten Staat. Diese traditionellen Strukturen prägten auch die Form der Umsetzung politischer Macht, auch wenn es zu vereinfachend wäre, davon auszugehen, daß die Mandarine in der VR China durch Kader ersetzt wurden und die Herrschaftsstrukturen ansonsten gleich blieben.[47]

 

Der Betrieb als "kleine Gesellschaft" erlebt im Zuge der Reformpolitik einen grundlegenden Bedeutungswandel. Die Nutzung der Arbeitskraft wird effizentiert und soziale Bereiche abgebaut.[48] Die viele große Joint-Venture in der VR China funktionieren bereits weitgehend nach westlichem Muster. Dieses Muster kann jedoch Chinas speziellen gesellschaftspolitischen Probleme nicht lösen. Daher und durch die beginnende Rezeption der japanischen betrieblichen Organisation ist eine Rückbesinnung zu den Danweistrukturen zu erwarten. Die modifizierte Danweistruktur entsteht im Spannungsfeld zwischen betriebsökonomischer Effektivität und gruppenbezogener Verantwortung.

 

Mit der Reformpolitik ändern sich nicht nur die betrieblichen Danweistrukturen, sondern auch die damit zusammenhängenden Wohn- und Sozialstrukturen der Danwei. Insbesondere wegen der enormen Bevölkerungsdichte lassen sich jedoch die Lebensbedingungen in der VR China mittelfristig kaum ohne modifizierte Danweistrukturen lösen:

"Doch die Danweis als originäre chinesische Erscheinung sind für die Verantwortlichen keine nostalgischen Relikte, die man bewahren muß, sondern vor allem eins: hochgradig effizient in ihrer gesellschaftspolitischen Zielsetzung. Es ging und geht nicht nur um das Individuum, sondern um ein in jeder Hinsicht leistungsfähiges Organisationsmuster, welches ein breitgestreutes Repertoire von Eingriffsmöglichkeiten bietet."[49]

Die weitgehende Selbstorganisation und Mitbestimmung in der Danwei besteht weiterhin nur innerhalb der starren vorgegebenen Rahmens. Die Reformpolitik bekommt in der VR China eine kaum noch steuerbare Eigendynamik, welche diese eingespielte Macht-, Ordnungs- und Zuständigkeitsbalance -beispielsweise im Sozialbereich- zerstört. Damit kann eine enorme soziale Sprengkraft entstehen, die wiederum die ökonomischen Erfolge der Reformpolitik umkehren würden.

 

 

 

 

 

 

 

2. Die ökonomische Modernisierungspolitik in der VR China

 

Die Wirtschaftsentwicklung der sechziger Jahre stand in der VR China unter dem Slogan "Aufbau aus eigener Kraft." Der Außenhandel wurde minimiert, Investitionen in Modernisierungsprojekte hinausgeschoben und eine langandauernte Stagnation des materiellen Lebensstandards der Bevölkerung in Kauf genommen. Erst mit dem 1975 von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Zhou Enlai vorgelegten Programm der "Vier Modernisierungen" von Industrie, Landwirtschaft, Militär sowie Wissenschaft und Technik begann in der VR China wieder eine offizielle Auseinandersetzung um ein mögliches ökonomisches Entwicklungskonzept. Nach dem Tode Maos und dem Sturz der "Viererbande" intensivierten sich die Auseinandersetzungen über die zukünftige Wirtschaftspolitik der VR China. Das 3. Plenum des XI. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) beschloß schließlich im Dezember 1978 ein ökonomisches Konsolidierungsprogramm, das eine grundlegende Neuausrichtung beinhaltete.[50]

 

Die Reformen begannen im Agrarbereich; hier wurden die Volkskommunen abgeschafft und den Bauernhaushalten eigenverantwortlich die wirtschaftliche Verantwortung für ihre Arbeit übertragen. Die Zusammenarbeit mit dem Ausland konzentrierte sich zu Beginn der Reform auf reine Handelsbeziehungen. Im Ausland kaufte die VR China moderne Großtechnologie zur Modernisierung der nationalen Industrie ein. Dieser Technikkauf war letztendlich überwiegend unökonomisch, und viele Bestellungen mußten storniert werden. Modernisierung ließ sich nicht einfach mit der Technik einkaufen; die Technik muß bei einen Transfer den besonderen Bedingungen im Empfängerland angepaßt werden. Für den rationellen Umgang mit importierter Technik sind besondere Anforderungen an die Qualifikation der Arbeiter oder spezielle Managementkenntnisse notwendig, die damals in der VR China kaum vorhanden waren.[51] Auch deswegen intensivierte die chinesische Regierung nach einem Beschluß über die "Reform des Wirtschaftssystems" des 3. Plenum des XII. ZK vom 20. Oktober 1984 die Zusammenarbeit mit dem Ausland.[52] Im Agrarbereich zeigte die eingeleitete Reform durchschlagende Erfolge; nicht zuletzt deshalb wurde sie auf den städtisch-industriellen Sektor ausgeweitet. Die ökonomische Zusammenarbeit mit dem Ausland weitete sich auf Joint Ventures[53] und andere Gemeinschaftsprojekte aus.[54] 

 

Die politischen Beschlüsse führten in der Praxis zu einer pragmatischen Wirtschaftsreform. Hohe ökonomische Zuwachsraten führten jedoch insbesondere 1988/89 zu steigenden Inflationsraten, Infrastrukturengpässen und zeigten die bestehenden strukturellen Schwächen in weiten Teilen der chinesischen Ökonomie. Nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung im Jahre 1989 erwarteten westliche Sinologen und die Chinaberichterstatter der Medien eine Wende der chinesischen Politik zurück zur Planwirtschaft und sich verschlechternde Investitionsbedingungen für ausländische Anleger. In China selbst ging die Reformpolitik nach kurzer Unterbrechung weiter und führte wieder zu sehr hohen quantitativen Wirtschaftswachstumszahlen. Beeindruckt von diesen Zahlen kam es ab 1992 zu neuen Investitionsoffensiven ausländischer Konzerne in der Volksrepublik. Dieser neue Chinaboom erreichte das Land zu einem Zeitpunkt, an dem die negativen Auswirkungen des explosionsartigen Wachstums wieder ein Umschwenken erwarten ließen. Inflation und die wuchernde Korruption verstärkten tief verwurzelte Ängste in der Bevölkerung vor einem Absturz der alltäglichen Verhältnissen ins Chaos (luan).

Seit Sommer 1993 verstärken sich die Konsolidierungsmaßnahmen zur Abkühlung der überhitzten chinesischen Wirtschaft. Die Staatsausgaben sollen um 20 Prozent sinken und Investitionen durch Beschränkungen bei der Kreditvergabe und Erhöhung der Bankzinsen erschwert werden. Das hohe, regional unterschiedliche Wachstumstempo beschleunigte die Regionalisierung innerhalb der VR China. Mit der angestrebten Mitgliedschaft im GATT/WTO würde sich durch die Anpassung der Wirtschaft an die Gatt/WTO-Regeln die Situation der wirtschaftlich rückständigen Provinzen höchstwahrscheinlich weiter verschlechtern. Die Abstimmungsschwierigkeiten und Kompetenzstreitigkeiten zwischen Regionen und Zentrale könnten bei weiter regional verschieden schnellem Wachstum genau so schnell zunehmen wie soziale Probleme, etwa durch die Binnenwanderung von arbeitsuchenden Menschen. Deutliche Überhitzungstendenzen sind bei der zunehmenden Überlastung der Infrastruktur zu erkennen, Lieferengpässe bei der Energieversorgung und Rohstoffen sind eine Folge davon. Die für 1994 geplante weitere Freigabe der Preise könnte die Versorgungsprobleme abschwächen, heizt aber auch die Inflation weiter an, die 1993 bereits 13 Prozent betrug. Durch die weitere Reduzierung der Planquoten sollen 1994 nur noch 4 Prozent des industriellen Bruttoproduktionswerts im Rahmen vom Staatsplan realisiert werden.[55]

 

Innerhalb der Führungsschicht der KP bestehen einflußreiche Gruppen, die vor der Falle des raschen Wirtschaftswachstums warnen. Durch die Öffnungspolitik bedingt sehen sie eine Aufweichung sozialistischer Werte und die Verwässerung des Kontrollsystems. Dies würde zum Machtverlust der KP führen. In einem Buch mit dem Titel "Eine Betrachtung Chinas durch das dritte Auge" warnen die namentlich nicht näher bezeichneten Verfasser davor, das Chinas 800 Millionen Bauern einen lebenden Vulkan darstellen, der jederzeit zum Ausbruch kommen könne. Die Reformpolitik zerstöre in den Städten die gewachsenen sozialen Beziehungen und unter der Landbevölkerung setzte eine Massenwanderung ein. Slums wie in Südamerika könnten schon in wenigen Jahren das Bild chinesischer Städte prägen. Die seien die Folgen davon, daß die VR China blind den internationalen Wirtschaftstrends folge.[56]

 

Die breite Masse der Polit- und Wirtschaftskader sowie der Bevölkerung plädiert jedoch eher für eine Weiterführung oder Intensivierung der Reformpolitik. Nach der Resolution der chinesischen Führung "über einige Fragen zur Errichtung eines sozialistischen Marktwirtschaftssystems" vom 14. November 1993 dürften sich die ökonomischen Reformen weiter intensivieren. Die Grundlagen für die chinesische Reformpolitik wurden 1978 gelegt; die Resolution vom 14. November enthält die weiteren Entwicklungslinien für die mittelfristige Umsetzung der Reform und ist deshalb vielleicht von ähnlicher Bedeutung wie die Beschlüsse von 1978.[57]

 

Die Importzölle werden weiter gesenkt. Die noch bestehenden Importbeschränkungen sollen bis Herbst 1994 zu 75 Prozent aufgehoben sein. Bereits jetzt können Joint Ventures einen Großteil ihrer Produktion in China absetzen. Der gespaltene Devisenkurs soll 1994 vereinheitlicht und damit die chinesische Ökonomie in diesem Bereich auf Weltmarktkriterien ausgerichtet werden. Dazu wertete China Anfang des Jahres 1994 den Yuan um etwa 40 Prozent ab und schaffte die Ausländer- und Devisenwährung Foreign Exchange Certificate ab. Damit soll auch eine weitere Voraussetzung zur Aufnahme der VR China in das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) erfüllt werden. Die Zentralbank wird umstrukturiert und soll unabhängig werden. Nach US-amerikanischem oder deutschem Muster soll sich die chinesische Zentralbank zukünftig auf währungsstabilisierende Maßnahmen konzentrieren; die bisherige direkte Einbindung in Aufgaben der Wirtschaftsentwicklung soll abgebaut werden. Begleitet werden diese währungs- und finanzpolitischen Maßnahmen von einer umfangreichen Steuerreform, die Anfang Januar 1994 in Kraft getreten ist.[58]

 

2.1. Betriebliche Rationalität und Vollbeschäftigung[59]

 

In der VR China forderte das ZK der KPCh erstmalig in seiner Geschichte in der im November 1993 veröffentlichten "Resolution des ZK der KP Chinas über einige Fragen zur Errichtung eines sozialistischen Marktwirtschaftsystem" die Entwicklung eines "Arbeitskraftmarkts". Auch wenn die Einrichtung eines Arbeitskraftmarktes der Forderung von Marx nach gemeinschaftlicher Kontrolle des rationellen Stoffwechsels mit der Natur widerspricht - mit dem Arbeitskraftmarkt in der VR China die "blinde Macht" der Marktvermittlung von Arbeit jetzt erst eingeführt wird - ist die offizielle Begründung für diese Einführung aus den speziellen sozialistischen Bedingungen in der VR China abgeleitet: Unter sozialistischen Bedingungen besitzen die Arbeitskräfte eine Wareneigenschaft; die Arbeitskraft weist die Dualität Gebrauchswert und Wert auf. Der Wert der Arbeitskraft kann nur durch Austausch realisiert werden; dadurch entsteht der Arbeitskraftmarkt. Auf dem Arbeitskraftmarkt wird der "Austausch der Arbeitskraft gleichberechtigt verhandelt". Über die Einbeziehung der Arbeitskraft in dem Markt soll die optimale Verteilung der Arbeitskraftressourcen und der gesamten gesellschaftlichen Ressourcen realisiert werden. In dem neuen Konzept wird zwar der weiterbestehende "Widerspruch zwischen dem starken Angebot an Arbeitskräften und der geringen Nachfrage nach Arbeitskräften" gesehen. Die zukünftige Markvermittlung der Arbeitskraft verläuft darin jedoch nicht nur weitgehend harmonisch und konfliktfrei, auch die "Stellung der Arbeiterklasse als Herr des Landes soll dadurch verstärkt und gefestigt werden".[60]

 

Der schwierige und langwierige Prozeß der Ablösung von "Personenherrschaft" durch die "Herrschaft des Gesetzes"

 

In der betrieblichen Realität sind die Entwicklungen jedoch sehr widersprüchlich. Hier werden in Joint-Ventures und in den Sonderwirtschaftszonen bereits seit 1980 Arbeitsverträge abgeschlossen. Ein grundlegender Schritt zur Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen waren die vier vorläufige Bestimmungen zur Reform des Arbeitssystems vom Juni 1986:

 

      Vorläufigen Bestimmungen zur Durchführung des Arbeitsvertragssystems bei Staatsunternehmen;

      Vorläufigen Bestimmungen für die Anstellung von Arbeitern in staatlichen Unternehmen;

      Vorläufige Bestimmungen für die Kündigung durch die Staatsunternehmen bei Disziplinarverletzungen von Beschäftigten;

      Vorläufige Bestimmungen für die Arbeitslosenversicherung für Beschäftigte in Staatsunternehmen.

 

Als weitere Bestimmung wurde im Juni 1987 erlassen:

      Vorläufige Bestimmung zur Regelung von Arbeitsstreitigkeiten bei Staatsunternehmen.[61]

 

Die Herausbildung von juristischen Regelungen in der VR China weist gegenüber der historischen Arbeitsrechtsentwicklung in den westlichen Ländern grundlegende Unterschiede auf. In Europa kam es mit der Industrialisierung und der Herausbildung eines anonymen Waren- und Arbeitsmarktes zu einer Auflösung der traditionellen personalisierten Arbeitsbeziehungen. Die im Laufe der Zeit erlassenen Arbeitsrechtsbestimmungen sind hier tendenziell Abwehrrechte der abhängig Beschäftigten gegen die im Zuge dieser Entwicklung entstandenen Folgeprobleme. Die institutionalisierte Konfliktregelung soll damit die Möglichkeit eines Ausgleichs der verschiedenen Interessen ermöglichen. Eine größere Rechtssicherheit bewirkte hier in der Regel eine Verbesserung der Situation für die abhängig Beschäftigten. In der VR China dagegen führen, aufgrund einer grundlegend verschiedenen Gesellschafts- und Betriebsstruktur, die neuen Arbeitsvertrags- und Arbeitsrechtsbestimmungen eher zu einem Abbau faktisch bestehender Rechte der Angestellten in Staatsbetrieben. Dort existierten bis Mitte der achtziger Jahre keine Vertragsparteien; die Betriebsleitung war wie auch alle anderen Arbeitskräfte Objekt der staatlichen Verwaltungsmaßnahmen. Mit den Arbeitsvertragsbestimmungen treten gegenüber der staatlichen Verwaltung erstmals zwei Vertragsparteien auf. Die zuvor prinzipielle Gleichheit aller Beschäftigten wird damit aufgehoben. Die Bestimmungen ermöglichen eine Erweiterung der Vertragsfreiheit, die zu Lasten der schwächeren Vertragspartei, dem Arbeitnehmer, geht.[62] Mit der Gewährung größerer Freiheitsrechte durch die staatlichen Verwaltungen, mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust staatlicher Produktionspläne entstehen für den einzelnen Arbeiter größere Freiheitspotentiale, beispielsweise bei der freien Berufswahl. Diese gehen jedoch einher mit dem Verlust von betrieblichen Rechten. Vormals versuchten Arbeitnehmer und Unternehmensleitung gemeinsam ihre Interessen gegen die staatliche Verwaltung durchzusetzen. Mit den Betriebsreformen verläuft nun der Interessensgegensatz erstmals hauptsächlich im Unternehmen zwischen Arbeitern und Betriebsverwaltung. Damit entstanden auch grundlegend neue betriebliche Konfliktbereiche.

 

Konflikte in den Arbeitsbeziehungen werden in der VR China weiter fast ausschließlich mit Schlichtungsmechanismen und in Schiedsverfahren gelöst. Dies entspricht sowohl dem kulturhistorischen gesellschaftlichen Hintergrund Chinas, als auch dem sozialistischen Selbstverständnis der Volksrepublik. Dementsprechend fehlt auch in den Bestimmungen der Gedanke eines möglichen Interessensgegensatzes zwischen Betriebsleitung und abhängig Beschäftigten. In der Praxis sind durch diese traditionellen Handlungsprinzipien Kündigungen, Entlassungen oder Vertragsbeendigungen in Staatsbetrieben bis jetzt nur sehr schwer realisierbar. Hebel und Schucher schildern dafür ein typischen Beispiel nach den Äußerungen eines Abteilungsleiters eines staatlichen Nanjinger Maschinenbaubetriebes:

"Z.B. arbeitete ein Arbeiter nicht, wir wollten ihn schließlich entlassen. Er kam mit seinem kleinen Kind zu meiner Wohnung und sagte: Ich selbst komme ohne Essen aus, aber für mein Kind mußt Du jetzt aufkommen. Wir haben ihn wieder eingestellt. Das gesellschaftliche Klima erlaubt einfach keine Entlassungen".[63]

 

Die in den Bestimmungen zur Regelung des Arbeitssystems und insbesondere in deren Umsetzung angelegten Widersprüche resultieren aus der Verquickung von traditionellen Norm- und Sicherungssystemen mit neuen juristischen Regelungen. Ein wesentlicher Bestandteil der ökonomischen Reformpolitik findet auch im Bereich der Arbeitsbeziehungen seinen Niederschlag: die traditionelle informelle "Herrschaft von Personen" (renzhi) soll durch die formelle "Herrschaft des Gesetzes" (fazhi) abgelöst werden. Dieser Übergang umfaßt die gesamte gesellschaftliche Struktur. Ein Beispiel dafür ist der vorstehend geschilderte Fall, in dem trotz entsprechender juristischer Bestimmungen eine Entlassung wegen fehlender gesellschaftlicher sozialer Sicherungseinrichtungen nicht möglich war. Der eingeleitete Veränderungsprozeß benötigt nach offiziellen Aussagen aus der VR China eine neues "gesellschaftliches Klima" (shehui daqihou) und damit grundlegend veränderte Gesellschaftsstrukturen. Dies ist nicht nur ein außerordentlich komplexer Vorgang, sondern -wenn überhaupt sinnvoll- auch nur in einer langfristigen Perspektive zu entwickeln. Neben der politischen Brisanz des Themas dürften diese grundlegenden Dinge die wesentlichen Gründe dafür sein, das ein erstes Arbeitsgesetz erst im Juni 1994 verabschiedet wurde.

 

In den 107 Artikel des ab 01.Januar 1995 gültigen Arbeitsgesetzes sind nicht nur die Rechte, sondern auch die Pflichten der Arbeitnehmer festgelegt. Das Arbeitsgesetz soll (§ 1):

 

 

      die legitimen Rechte und Pflichten der Arbeiter schützen;

      die Arbeitsbeziehungen regulieren

      ein zur "sozialistischen Marktwirtschaft" passendes Arbeitssystem schaffen und schützen sowie

      die allgemeine Wirtschaftsentwicklung und den sozialen Fortschritt fördern.

 

Das Gesetz besitzt in allen Unternehmen und staatlichen sowie öffentlichen Einrichtungen Gültigkeit (§2). Der überwiegende Teil der Beschäftigten arbeitet in der VR China noch im ländlichen Bereich, in dem die Arbeitsgesetze keine Gültigkeit besitzen. Ein wirksames Arbeitsverhältnisrecht setzt zu einem hohen Maße Arbeitsmarktstrukturen und -gleichgewichte voraus, die jedoch in der VR China in weiten Bereichen noch nicht vorhanden sind.[64]

 

Das Recht für Arbeiter zur Organisation und Mitgliedschaft in Gewerkschaften wird garantiert (§ 7). Das verfassungsmäßig garantierten Streikrecht wird, wie auch andere besonders konfliktreiche Fragen, im Arbeitsrecht nicht behandelt. Die Bestimmungen zur Beschäftigungsförderung sind allgemein gehalten. Bemerkenswert ist die Bestimmung zur staatlichen Unterstützung für den Aufbau selbständiger privater Geschäfte (§ 10). Für Frauen gilt ein Diskriminierungsverbot (§ 13). Personen unter 16 Jahren dürfen in der Regel nicht beschäftigt werden (§ 15).[65]

 

Das neue Arbeitsgesetz zeichnet sich durch den Anspruch einer umfassenden Regelung der Arbeitsbeziehungen aus. Typisch für chinesische Verhältnisse ist der offene Rahmen; ein großer Teil der Paragraphen sind Soll-Bestimmungen. Das Gesetz gibt mit der Anweisung an die staatlichen Verwaltungen zur Umsetzung des Arbeitsgesetzes in einem Stufenplan zunächst weniger verbindliche Zielgrößen vor.

 

Die mit der Reformpolitik zunehmenden betrieblichen Auseinandersetzungen und Arbeitsstreitigkeiten sollen durch dieses Gesetz geregelt sowie institutionelle Regelungsmechanismen geschaffen und damit diesen Konflikten die soziale Sprengkraft genommen werden. In Shanghai beispielsweise vermittelte die Schlichtungsstelle 1991 in 70 Fällen, 1992 und 1993 mußten bereits durchschnittlich 100 Fälle behandelt werden. In den mit ausländischem Kapital gegründeten Unternehmen der Sonderwirtschaftszone Xiamen (Provinz Fujian) erhöhte sich nach unvollständigen Statistiken die Arbeitsstreitigkeiten von 50 im Jahre 1991 auf 460 im Jahre 1993. Etwa 4.000 Beschwerden von Arbeitskräften und 250 Arbeitsniederlegungen wurden in Xiamen 1992 registriert; 1993 nahmen diese Fälle weiter zu.[66] 

 

Eine Interessengemeinschaft bilden die Betriebsverwaltung und Arbeitnehmer jedoch weiter bei Angriffen oder Bedrohungen von außen. In Lanzhou stürmten im August 1993 Demonstranten eine Chemiefabrik, die ihre Abwässer ungeklärt in den gelben Fluß einleitete und Abgase ungefiltert in die Umgebung freisetzte. Die Arbeiter verteidigten ihre Fabrik mit Knüppeln und Stahlrohren; zwei Menschen wurden erschlagen.[67] Zahleiche ähnlichen Vorfälle ereignen sich immer wieder in China. Bei diesen Auseinandersetzungen stehen jedoch keine reine Umweltschutzüberlegungen im Vordergrund, sondern direkte materielle Interessen. Meist greifen Bauern zur Selbsthilfe, die durch die Verschmutzungen einer nahegelegenen Fabrik hohe Ertragsverluste hinnehmen müssen.

 

Frühkapitalistisch anmutende Arbeitsbedingungen und daraus resultierende Arbeitsstreitigkeiten finden sich besonders in kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die meist von hongkonger oder taiwanesischen Unternehmen gegründet wurden. Mit geringem Kapitaleinsatz wird in diesen Unternehmen oft versucht, in kürzester Zeit möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Gespart wird bei den Personalkosten und den Aufwendungen für die Arbeitsbedingungen. Brennende Fabriken ohne Brandschutzeinrichtungen, in denen hunderte junger Frauen qualvoll verbrennen, sind dabei nur die spektakulärsten Fälle der weitverbreiteten unmenschlichen Arbeitsbedingungen.

 

In den großen Joint-Ventures westlicher Konzerne in der VR China bestehen dagegen in der Regel eher vorbildliche Arbeitsbedingungen. Diese orientieren sich, beispielsweise im Bereich Unfallverhütung, eher an den Standards der Industrieländer und sind damit höher als in den meisten staatlichen Betrieben. Auch bei der Entlohnung und Arbeitszeitverkürzung erfüllen diese Unternehmen eine Vorreiterolle, die sie sich durch eine, verglichen mit dem Landesdurchschnitt, hohe Produktivität auch leisten können. Nach japanischem Muster besitzen diese Unternehmen jedoch oft eine geringe Fertigungstiefe und sind auf umfangreiche Zuliefererungen angewiesen. Diese beziehen sie aus faktisch abhängigen, juristisch jedoch selbständigen Unternehmen, mit niedriger Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen. Konfliktstoffe und die krassesten Fälle menschlicher Ausbeutung sind damit formal aus den meisten Großbetrieben internationaler Konzerne ausgelagert.

 

Der Allchinesische Gewerkschaftsbund

 

Die neu entstehenden Problemkomplexe im Bereich der Arbeitsbeziehungen erfordern eine grundlegende Neuorientierung der kollektiven Interessenvertretung der Arbeitnehmer. Der Allchinesische Gewerkschaftsbund (ACGB) besitzt nach Artikel 18 des Gewerkschaftsgesetzes in seiner Fassung vom das Recht auf Abschluß von Kollektivverträge auf Unternehmensebene. Er ist nach Artikel 20 Teil der Schlichtungsstelle bei Arbeitskonflikten und nach Artikel 25 werden ihm Schlichtungsaufgaben bei Streiks und langsames Arbeiten ("Dienst nach Vorschrift") zugewiesen. Dies sind die einzigen Zusammenhänge, in denen Gewerkschaften mit Arbeitskampfmaßnahmen zusammen im Gewerkschaftsgesetz erwähnt werden.[68]

 

Der ACGB versteht sich nach seinem Status als eine freiwillige Massenorganisation, in der alle Werktätigen, die ihren Lebensunterhalt ganz oder überwiegend aus dem Lohn bestreiten, beitreten können. Anfang der achtziger Jahre lag der Organisationsgrad nach Gewerkschaftsangaben bei 82 Prozent. Sogenannte Arbeiter-Bauern, dies sind Bauern, die für einen bestimmten Zeitraum für eine Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft freigestellt wurden, Kontraktarbeiter und Heimarbeiter können nicht Gewerkschaftsmitglied werden.[69]

 

Das Organisationsprinzip des ACGB ist der demokratische Zentralismus. Eine grundlegende Organisationsform ist der Belegschaftskongreß, auf dem die Betriebsleitung einen Tätigkeitsbericht vorlegt. Der Kongreß kann zu den verschiedenen Betriebsplänen Beschlüsse fassen, die Verwendung der Fonds für Wohlfahrt, Arbeitsschutz und Prämien beraten und Entscheidungen zu Prämienverwendung und Strafaktionen gegenüber der Belegschaft fällen. Fragen der Reform des Betriebssystems, Lohn- und Ausbildungsfragen werden auch auf dem Kongreß behandelt und beschlossen. Führende Verwaltungsmanager müssen sich dem Kongreß zur Wahl stellen; in einigen Unternehmen werden auch die Direktoren gewählt oder abgewählt. Der Betriebsleiter ist dem Kongreß rechenschaftspflichtig, der Kongreß muß die Betriebsleitung bei der Amtsausübung unterstützen. Bei Meinungsverschiedenheiten gilt die Weisung der Betriebsleitung.[70]

 

Das Gewerkschaftskomitee wird vom Belegschaftskongreß alle drei Jahre gewählt; daneben besteht ein sogenannter Arbeiterkongreß. Das Gewerkschaftskomitee ist für die alltägliche betriebliche Gewerkschaftsarbeit zuständig. Der Arbeiterkongreß wird nach dem Unternehmensgesetz in den staatseigenen und Kollektivunternehmen durch alle Beschäftigten gewählt. Er tagt zwei Mal jährlich, besitzt jedoch kein Exekutivkomitee. Diese Aufgabe übernimmt das Gewerkschaftskomitee.[71]

 

Die Arbeitsschwerpunkte in der praktischen Gewerkschaftsarbeit liegen immer noch bei der Unterstützung der ökonomischen Modernisierungspolitik. Die Gewerkschaften veranstalten dazu in den Betrieben Arbeitswettbewerbe zur Erhöhung der Effektivität und Qualität und sind für die Überwachung der Arbeitssicherheit zuständig. Zur Erhöhung der beruflichen Qualifikation veranstalten die Gewerkschaften Bildungs- und Fortbildungsmaßnahmen für ihre Mitglieder. Ein neues Arbeitsfeld sind Verhandlungen über Lohnhöhe und Prämien, die vor 1979 weitgehend zentralstaatlich vorgegeben wurden. Durch die Auflösung der vormaligen allumfassenden staatlichen Fürsorge, für die in China die Bezeichnung "alle essen aus der gleichen großen Reisschale" stand, fällen den Gewerkschaften neue Aufgaben bei der Durchführung der Arbeitsversicherung zu. Dazu gehören Unterhaltszahlungen bei Ruhestand, Krankheit, Arbeitsunfall, Körperbehinderung und Familienzuwachs sowie der Unterhalt von Erholungsheimen und Sanatorien.[72]

 

Bislang gelten offiziell die Arbeiter als "Herren der Betriebe", ein grundlegender Interessensgegensatz zwischen Arbeitern und Betriebsleitung bestand bis zum Beginn der Reformpolitik nicht. Mit den Reformen sind Entlassungen erstmals möglich, die umfassende soziale betriebliche Absicherung wird abgebaut und die Entlohnung differenziert sich auf. Zu diesen neuen betrieblichen Konfliktpotentialen kommen, besonders in kleineren Joint-Ventures, oft unmenschliche Arbeitsbedingungen, die gegen bestehende Vorschriften verstoßen. Den ureigensten gewerkschaftlichen Aufgaben, Unterstützungen für die Lösung dieser Probleme für seine Mitglieder anzubieten, kam der Allchinesische Gewerkschaftsbund in der Vergangenheit kaum nach.

 

Auf dem Ende Oktober 1993 in Beijing stattgefundenen 12. Gesamtchinesischen Gewerkschaftskongreß standen wiederum die Fragen nach dem Schwerpunkt der zukünftigen Gewerkschaftspolitik im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. In geschlossenen Veranstaltungen wurde die nachhaltige Vernachlässigung der grundlegenden Interessen der Arbeiterschaft und der Passivität der Gewerkschaften gegenüber den Betriebsleitungen heftig kritisiert. Wegen der Bevorzugung der Unternehmensinteressen könnten die berechtigten Forderungen der Arbeiter nicht mehr durchgesetzt werden; die Arbeiter hätten offensichtlich keine Bedeutung mehr für die politische Führung. Beschwerde- und Vermittlungsverfahren würden durch Parteiorganisationen oft verhindert, in 60 Prozent der größeren Unternehmen seien die Gewerkschaftsvertreter bereits vollständig aus den Parteikomitees herausgedrängt worden. Durch den Einflußverlust funktionieren die Gewerkschaftsorganisationen in kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht mehr richtig.

 

Staatspräsident und Parteivorsitzender Jang Zeming wies in einer Ansprache vor den Kongreßdelegierten auf die Aufgabe der Gewerkschaften hin, als Brücke zwischen Partei, Regierung und Arbeitern zu wirken und forderte dazu auf, die Belegschaften für die Reformpläne zu gewinnen.[73] Mit dem neuen Arbeitsgesetz können die Gewerkschaften zwar zukünftig die Interessen ihrer Mitglieder wirkungsvoller vertreten, Grundlegend für ihre Arbeit bleibt jedoch die Forderung nach Unterstützung der Reformpolitik. Damit bleibt der Allchinesische Gewerkschaftsbund in einem internen Interessensgegensatz weiter gefangen.

 

Ein wesentliches Problem besteht weiterhin darin, das hunderte Millionen ländlicher Arbeiter und Wanderarbeiter nicht von der Gewerkschaft vertreten werden. Nach Angaben des ACGB sind in ihm 105 Millionen Mitglieder (1993) organisiert, was ein Organisationsgrad von 95 Prozent entspricht. Der Organisationsgrad dürfte jedoch auch für städtische Industriebetriebe überhöht angegeben sein, denn in den 40.000 rein ausländischen Firmen, die in der VR China existierten, in nur 4.074 Unternehmen eine Betriebsgewerkschaft existierte (1993).[74] Besonders in den Firmen mit Auslandsinvestoren bestehen oft frühkapitalistisch anmutende Arbeitsbedingungen; daher wäre dort eine gewerkschäftliche Interessenvertrezung besonders notwendig.

 

Staatliche Verwaltungsstellen erarbeiten mit den Gewerkschaften Pläne zum Ausbau der Gewerkschaftsvertretungen insbesondere in Unternehmen mit Auslandskapital. Nach Angaben des ACGB bestehen inzwischen in 45 Prozent aller dieser Unternehmen Gewerkschaftsvertretungen; in den Sonderwirtschaftszonen soll dies bereits in 60 Prozent realisiert sein. In der Sonderwirtschaftszone Shenzhen, die durch katastrophale Arbeitsbedingungen und scharfen Arbeitskonflikten immer wieder für Negativschlagzeilen sorgt, besteht die Zielsetzung, bis Ende 1994 in 40 Prozent aller Unternehmen mit Auslandskapital Gewerkschaftsorganisationen aufzubauen. In den letzten beiden Jahren fanden in Shenzhen nach offiziellen Angaben alleine 1.100 Streiks und Bummelstreiks statt. Diese Arbeitskonflikte sollen zu 90 Prozent in Unternehmen mit Auslandskapital und in Betrieben, die keine staatliche Subventionen erhalten, stattgefunden haben. Lohnstreitigkeiten und unzureichende Sozialleistungen sind dabei die wichtigsten Konfliktbereiche.[75] 

 

Nach Ansicht der ILO, der die VR China vor zehn Jahren wieder beitrat, ist jedoch ein Wandel in den Arbeitsschwerpunkten der chinesischen Gewerkschaften zu erkennen. Sie sehen nichr mehr in erster Linie ihre Aufgabe bei der Unterstützung und Hilfestellung bei der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung, sondern rücken zunehmend Fragen der Verteidigung der Rechte und Interessensvertretung der abhängig Beschäftigten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Die zunehmende Konfliktbereitschaft äußert sich jedoch noch kaum kollektiv, sondern überwiegend durch zunehmende gewerkschaftlich unterstütze Individualklagen. Eine Änderung ist hier noch nicht absehbar, da für kollektive Maßnahmen der Gegenpart in Form einer Arbeitgeberorganisation weitgehend fehlt.[76]

 

Vorbild Japan?

 

Die im Verlauf der chinesischen Modernisierung entstehenden Strukturen der Arbeitsbeziehungen und der Arbeitsorganisation weisen große Ähnlichkeiten mit japanischen Gegebenheiten auf. Die Arbeitsbeziehungen und die Tarifpolitik sind in Japan überwiegend betrieblich ausgerichtet. Der einzelne Arbeitnehmer sieht seine Stelle im Betrieb kaum im Klassengegensatz zu den Unternehmern, sondern konsensal-gruppenbezogen. In der Lebensgestaltung spielt der Betrieb für den einzelnen Arbeitnehmer eine zentrale Rolle. Das persönliche Ansehen in der Gesellschaft wird hauptsächlich durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Unternehmen definiert; der Betrieb ist auch für wesentliche private Bereiche der Beschäftigten zuständig. Das innerbetriebliche Verhältnis ist überwiegend durch persönliche Abhängikeits- und Loyalitätsverhältnisse geprägt.[77] Dies sind auch wesentliche Entstehungsbedingungen für die unter dem Schlagwort Schlanke Produktion diskutierten betrieblichen Organisationsmerkmale.

 

Auf gesellschaftlicher Ebene bilden die in gutbezahlten und relativ sicheren Arbeitsverhältnissen arbeitenden Stammarbeiter gegenüber Randarbeitern eine Minderheit. Die hierarchische Zulieferpiramyde der Großbetriebe weist einen breiten Bodensatz von Klein- und Kleinstbetrieben mit unsicheren und niedrig entlohnten Arbeitsplätzen auf. Der Personalbestand von privilegierten Arbeitnehmern wird bei Auftragsschwankungen mittels einer Randarbeiterschaft mit Zeitverträgen, Leiharbeitern, Heimarbeiter und Tagelöhnern gepuffert. In Schätzungen wird davon ausgegangen, das von den 54,5 Millionen Beschäftigten in der japanischen Privatindustrie etwa 41 Millionen in Randarbeitsverhältnissen arbeiten.[78]

 

Eine solidarische Interessensvertretung der auseinanderdiffidierten Arbeitnehmer findet auf der gesellschaftlichen Ebene kaum statt, da sich die Arbeitsbeziehungen und die Kollektivvertragspolitik in Japan überwiegend im Betrieb abspielt. Die Willensbildung im Betrieb erfolgt in der Regel durch die Suche nach einem Konsens. In den Arbeitsbeziehungssystem herrscht ein auf einvernehmliche Entscheidungen ausgerichtete Gruppenorientierung vor, individuelle Ausrichtung und Klassenorientierung nach westlichem Muster besitzen kaum eine Bedeutung. Die Betriebsgewerkschaften orientieren sich in diesem konsensualen Beziehungssystem an dem Unternehmensinteresse einer optimalen Kapitalverwertung. Ihre Arbeit ist auf die Interessen der kleinen Gruppe, meist männlicher Stammarbeitnehmern in den Großbetrieben ausgerichtet, die auch über relativ hohe Löhne und umfassende soziale Sicherung an den Unternehmenserfolg teilhaben. Dies ist mit ein Grund für den zentralen Stellenwert der Mitgliedschaft in einem möglichst erfolgreichen Unternehmen für japanische Arbeitnehmer, die auch seine gesellschaftliche soziale Position definiert. Das Verhältnis Vorgesetzter-Untergebener ist in einer möglichst vertrauensvollen und harmonischen Beziehungsstruktur von persönlicher Abhängigkeit und unbedingter Anerkennung von Autorität geprägt. Die vorhandenen betrieblichen Abhängigkeitsverhältnisse und Ausbeutungsverhältnisse werden dadurch verschleiert.[79] 

 

Ähnliche Strukturen entwickeln sich zur Zeit in der VR China. In den großen Joint-Ventures westlicher Unternehmen zur Automobilfertigung in China beispielsweise liegt die Fertigungstiefe bei 25-30 Prozent. Der größte Teil der Wertschöpfung wird damit außerhalb des Betriebes geleistet, in kleinen Betrieben mit schlechteren Arbeitsbedingungen, niedrigerer Bezahlung und ungesicherteren Arbeitsverhältnissen. Insbesondere für schmutzige Tätigkeiten und Schwerstarbeit greifen diese Unternehmen auch innerbetrieblich auf Randarbeitnehmer zurück. Ein betrieblicher Konsens mit den Stammarbeitern ist bei der Auslagerung von Konfliktpotentialen in außerbetriebliche Bereiche leichter erreichbar.[80] 

 

Ein konsensuales Verfahren prägt in Japan auch die Tarifpolitik, echte Kollektivverhandlungen sind weitgehend unbekannt. Im Vordergrund stehen nicht die aus dem Verkauf und dem Kauf der Ware Arbeitskraft resultierenden Interessensgegensätze, sondern statusabhängige Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Verträge sind in der Regel sehr offen interpretierbar, eindeutige Festlegungen werden meist umgangen.[81]

 

Das unter den Stichwörtern Schlanke Produktion und Toyotismus im Westen diskutierte japanische Produktionsmodell basiert in einem stark differenzierten Zuliefersystem auf einer scharfen Trennung zwischen wenigen privilegierten Stammarbeitnehmern und der großen Masse rechtlich unterprivilegierter, weitgehend ungesicherter und niedrigbezahlter Randarbeitnehmern. Dabei arbeiten rund 70 Prozent aller Beschäftigten in Japan in kleinen Firmen mit weniger als 100 Beschäftigten und bildet mit einer große Anzahl von quasi Selbständigen in weitgehender Monopolabhängigkeit von Großunternehmen den Bodensatz der Zulieferstruktur.[82]

 

Ähnliche Grundstrukturen entwickeln sich zur Zeit in der VR China besonders in zwei Bereichen:

 

      Die Suche nach konsensualen betrieblichen Arbeitsbeziehungen ohne Wahrnehmung des Klassengegensatzes;

      Die Ausdifferenzierung zwischen wenigen privilegierten Stammarbeitnehmer der Großbetriebe und ein Heer unterprivilegierter Arbeiter.

 

Zu Japan besehen jedoch auch gewaltige Unterschiede. Die rhetorische Bevorzugung der Arbeiter als "Herren der Betriebe" wirkt sich in der VR China beispielsweise auch in besonderen betrieblichen Mitwirkungsmöglichkeiten aus. Andererseits besteht in der VR China ein riesiges Arbeitskräfteangebot; hunderte Millionen Menschen suchen dort in den nächsten Jahren einen besseren Arbeitsplatz. Der größte Teil davon dürfte jedoch kaum Aussicht auf einen sicheren privilegierten Arbeitsplatz besitzen.

 

Rationalisierung der Arbeit versus Vollbeschäftigung für hunderte Millionen Menschen

 

Nach Angaben des Staatlichen Amts für Statistik waren im Jahre 1992 in staatlichen Betrieben der VR China 109 Millionen Menschen und in nichtstaatlichen Betrieben 145 Millionen Menschen beschäftigt. Mit der Reform des Anstellungssystems werden voraussichtlich in den nächsten Jahren 10 Millionen Beschäftigte staatlicher Betriebe ihren Arbeitsplatz wechseln müssen. Die Zahl der Arbeitskräfte in den Städten wächst bis zum Jahr 2000 zusätzlich um 8 Millionen Menschen im Jahr. Auf dem Lande gibt es etwa 400 Millionen Arbeitskräfte, etwa die Hälfte davon ist "überschüssig". Diese Zahl wird zukünftig jährlich um 10 Millionen Menschen steigen.

"Das heißt, bis zum Jahre 2000 werden (in der VR China T:K:) 320 Millionen Menschen auf einen Arbeitsplatz warten".[83] 

Einige hundert Millionen Menschen suchen in den nächsten Jahren in der VR China nach Arbeitsplätzen, gleichzeitig werden durch die ökonomischen Modernisierungsprogramme neue Arbeitsorganisations- und Produktionsmodelle eingeführt, die eine massive Einsparung von Arbeitskraft ermöglichen. Besonders deutlich wird dies bei der  Betrachtung der Modernisierungkonzepte für die Automobilindustrie, die nach den von westlichen und japanischen Konzernen vermittelten Wirtschaftskonzepten auch in der VR China die Rolle einer Hauptsäule der ökonomischen Modernisierungspolitik bilden soll.

 

Maßstab für die angestrebte Rationalisierung wird bei zunehmender Weltmarktverflechtung der international höchste Standard. Im japanischen Toyotawerk Takaoka beispielsweise entfielen bereits im Jahre 1986 nur 18 Bruttomontagestunden auf die Fertigung jedes Kraftfahrzeugs.[84] Weltweit streben die großen Automobilkonzerne diesen Standard an, versuchen sogar, ihn immer weiter zu unterbieten. Das Problem jedoch besteht zur Zeit hauptsächlich darin, daß die Produkte aus einer Vielzahl von hochproduktiven Automobilwerken nur zum Teil abzusetzen sind. Gewaltige Kapazitätsunterauslastungen mit den daraus resultierenden ungünstigen Kostenstrukturen sind die Folge. Zur Kostensenkung führen die Automobilkonzerne unter anderem Personalrationalisierungsmaßnahmen durch; die Zahl der beschäftigten Menschen sinkt weiter.

 

Nach chinesischen Angaben arbeiteten in der VR China im Jahre 1990 etwa 1,56 Millionen Menschen in den Automobilmontagewerken. Nicht miteinbezogen in diese Zahl sind 11,4 Millionen Beschäftigte in der Automobilzulieferindustrie. Die Produktivität in japanischen und in den neuen Werken westlicher Automobilkonzerne liegt bei deutlich niedrigerer Jahresarbeitszeit bei etwa 50 Autos pro Beschäftigten/Jahr. Diese Produktivität streben die Joint Ventures im Automobilbereich in der VR China auch an, um international wettbewerbsfähig zu sein. Doch gilt dieses Produktivitätsniveau nicht als Spitzenwert: Im Nissan-Werk auf der Halbinsel Kyushu produzieren nur 1.200 Mitarbeiter bei voller Kapazitätsauslastung im Monat bis zu 20.000 Autos, theoretisch kann dort ein einziger Mensch im Jahr weit über 200 Kraftfahrzeuge produzieren.[85] Bereits bei einer Produktivität von 50 Autos pro Arbeiter/Jahr ergäbe sich eine chinesische Jahresproduktion von 50 Millionen Autos - etwa die derzeitige Weltproduktion-, auch wenn ein Drittel der derzeitig Beschäftigten entlassen würde.

 

Davon abgesehen, daß diese zusätzliche Produktion ökologisch katastrophale Folgen hätte und nicht absetzbar wäre, sind in der VR China keine tradierten Arbeitsrationalisierungsmaßnahmen gefragt. Jährlich wurden dort einige Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, um die Millionen erstmals auf den Arbeitsmarkt drängender Menschen zu beschäftigen. Das staatliche Statistikamt weist alleine für 1992 etwa 7 Millionen neu beschäftigte Arbeitskräfte in den Städten aus.[86] Das derzeitige betriebliche Konzept der Schlanken Produktion funktioniert in China angesichts des fast unbegrenzten Angebots von Arbeit nur bei sehr hohen Wachstumsraten. Schon bei mittleren Wachstumsraten bricht dieses System zusammen, mit unabsehbaren negativen gesellschaftlichen Folgen.

 

Die Beschäftigungswirkung der Joint Venture in der chinesischen Montageindustrie für Personenkraftwagen ist äußerst gering. Shanghai Volkswagen beschäftigte Ende 1993 etwa 6.000 Menschen und produzierte fast die Hälfte aller in der VR China hergestellten Personenkraftwagen. [87] Das Modernisierungsprogramm erreicht nur sehr wenige Beschäftigte und wirkt in Bezug auf Verbesserung der Ausbildung und Qualifikationsstrukturen keinesfalls in der beabsichtigten Breite auf einen großen Teil der chinesischen Ökonomie. Zum einem, da nur sehr wenige Menschen in diesem modernen Sektor beschäftigt sind; zum anderem, da die Joint Ventures in den großen Unternehmenszusammenschlüssen der chinesischen Automobilbranche als Fremdkörper wirken und ein gegenseitiger Wissenstransfer dadurch behindert wird.

 

Nach einer Untersuchung eines Forschungsinstituts des Staatsrats der VR China geht in den nächsten Jahren etwa ein Drittel der derzeit noch über 100 Millionen Arbeitsplätze im staatlichen Sektor durch Rationalisierungsmaßnahmen verloren. Bis vor kurzem setzten die staatlichen Betriebe überschüssige Unternehmensangehörige bei meist niedrigerer Bezahlung in neugegründeten Dienstleistungsgesellschaften ein. Diese arbeiteten jedoch nur zu einem geringen Teil mit Gewinn, so daß die wegrationalisierten Beschäftigten in neuen Unternehmen zukünftig nicht mehr im derzeitigen Umfang aufgefangen werden können. Der chinesische Arbeitsminister gab den Zuwachs an städtischen Arbeitslosen in den ersten neun Monaten des Jahres 1993 mit 850.000 Menschen an. Die daraus resultierenden sozialen Probleme verschärfen sich durch den nicht endenden Strom der arbeitsuchenden Bauern aus ländlichen Regionen. Daher konnten 1993 nur 20 Prozent der entlassenen städtischen Arbeiter einen neuen Arbeitsplatz finden; in den Vorjahren waren dies noch 70 Prozent.[88]

 

Genaue Zahlen über Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in der VR China existieren nicht. Der langjährige Vorsitzende des Gesamtchinesischen Gewerkschaftsbundes, Ni Zhifu, soll ca. 18 Millionen Arbeiter als unterbeschäftigt bezeichnet haben. 8 Millionen von ihnen sollen am Rande des Existenzminimums leben. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit fällt zusammen mit dem Verlust kollektiver betrieblicher Existenzsicherungseinrichtungen, für die "Eiserne Reisschale " (tiefanwan) ein bezeichnender Ausdruck war. Von den etwa 4 Millionen städtischen Arbeitslosen erhalten nur etwa 900.000 Arbeitslosengeld.

 

Viele staatliche Betriebe sind durch ihre wirtschaftlichen Probleme mit den Lohnzahlungen und weiteren Leistungen weit im Rückstand. In den nichtstaatlichen Betrieben spitzen sich, wie bereits beschrieben, betriebliche Konflikte ebenfalls zu. Als Folge davon nimmt die Unzufriedenheit der Beschäftigter zu. In den ersten neun Monaten des Jahres 1993 kam es nach einem internen Bericht des Staatsrates zu etwa 400 organisierten Bummelstreiks (daigong), zu 200 Streiks (bagong) und zu 74 Arbeiterdemonstrationen.[89] Der offizielle chinesische Gewerkschaftsbund berichtete von mehr als 10.000 spontanen Protestaktionen aus der Arbeiterschaft alleine im Jahr 1993.[90]

 

Als Folge dieser Entwicklungen versucht der Gesamtchinesische Gewerkschaftsbund seine Arbeit neu zu organisieren, um den Klagen über die Vernachlässigung der Interessenvertretung seiner Mitglieder und seinem Einflußverlust entgegenzuwirken. Doch solange die Arbeitervertretung, wie es in dem revidierten Gewerkschaftsstatut steht, hauptsächlich "Verbindungsglied und Brücke zwischen Kommunistischer Partei und den Arbeitermassen" ist, bleibt eine wirkungsvolle Vertretung der Interessen der Arbeiter unmöglich. Das Mitglied des ständigen Ausschusses des Politbüros, Hu Jintao, forderte die Arbeiter im derzeitigen Reformprozeß dazu auf, ihre unmittelbaren Eigeninteressen den langfristigen Interessen an der Wirtschaftsentwicklung unterzuordnen.[91]

 

Durch die hauptsächliche Orientierung an Effektivität nehmen auch Arbeitsunfälle in einem erschreckenden Ausmaß zu. Nach einem Bericht des Arbeitsministeriums kamen zwischen Januar und August 1993 ca. 11.600 Arbeiter bei Industrieunfällen um; ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 112,9 Prozent.[92] Bei diesen Angaben sind die meist noch weniger geschützten kollektiven und ländlichen Betriebe offensichtlich nicht erfaßt. In den Jahren 1990 und 1991 sollen jeweils 10.000 Bergleute bei Unfällen ihr Leben verloren haben. Für das darauffolgende Jahr wird von einer noch höheren Zahl an Todesopfern ausgegangen.[93] Nach einem Bericht der "China Daily" wurden zwischen Januar und Oktober 1993 mehr als 60.000 Menschen in der VR China durch Arbeitsunfälle getötet.[94] 

 

Staatliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der in den Industriebetrieben beschäftigten Menschen können diese Auswüchse nur punktuell abschwächen. Anfang Januar 1994 wurden in der VR China erstmals Mindestlöhne vorgeschrieben. Die von den Städten und Provinzen festgelegten Sätze entsprechen mindestens dem halben ortsüblichen Durchschnittslohn. In Shanghai beträgt damit der monatliche Mindestlohn 210 Yuan (etwa 42 DM), in der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen 280 Yuan. In Shenzhen betrug der Durchschnittslohn der Arbeiter letztes Jahr bereits 641 Yuan.[95] Daran ist zu erkennen, daß sich die Durchschnittslohnsätze nicht an den realen Lohnzahlungen orientieren.

 

Doch nicht die erbärmlichen Arbeitsbedingungen und Löhne in den städtischen Fabriken sind das Hauptproblem der Beschäftigungssituation in der VR China, sondern die noch erbärmlicheren Lebensumstände vieler Millionen Menschen auf dem Lande. Diese ziehen in Massen in die boomenden Landesteile. Besonders nach dem chinesischen Frühlingsfest schwillt der Strom der arbeitsuchenden Landbevölkerung an. Alleine nach Shanghai drängte etwa eine Million Menschen; in Guangzhou kommen um das Frühlingsfest täglich etwa einhunderttausend Arbeitsuchende an. Die meisten von ihnen leben und arbeiten dort unangemeldet, außerhalb der Wirkung von Arbeitsschutzbestimmungen, Mindestlöhnen oder Arbeitszeitbestimmungen, ohne soziale Absicherung.[96]

 

Die Entwicklung eines dualen Beschäftigungssystems wird durch Verbesserungen für die regulär beschäftigten Angestellten und Arbeitern beschleunigt. Beispielsweise sind die Joint Ventures der chinesischen Automobilindustrie in einigen Bereichen Vorreiter bei den Leistungen für Arbeitnehmer. Bereits Anfang 1992 führten verschiedene Joint Ventures die 44-Stundenwoche ein.[97] Ende 1993 sollte in einigen Joint Ventures die 40-Stundenwoche eingeführt werden.[98] Die gesetzliche Höchstarbeitszeit liegt seit 1. März 1994 für Arbeiter und Angestellte in der VR China in der Regel bei acht Stunden täglich bei 44 Wochenstunden.[99] Arbeitszeitverkürzungen sind auch in der VR China ein wichtiges Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, doch auch mit weiteren drastischen Arbeitszeitverkürzungen ist das Beschäftigungsproblem in der VR China nicht zu lösen.

 

Eines grundlegendes Mittel zur Abschwächung des Beschäftigungsproblems könnten in der VR China die Weiterentwicklung der bestehenden Arbeitsdienstleistungsgesellschaften sein. Arbeitsdienstleistungsgesellschaften existieren auf drei Ebenen:

 

1.             Stadt- und Bezirksebene:

Diese administrativen Arbeitsdienstleistungsgesellschaften besitzen koordinierende Aufgaben und betreiben keine Betriebe.

 

 

2.             Betriebliche Ebene:

Ursprünglich arbeiteten in den betrieblichen Arbeitsdienstleistungsgesellschaften nur Kinder von Betriebsangehörigen, die keinen anderen Arbeitsplatz finden. Im Zuge betrieblicher Umstrukturierung werden hier jetzt auch Betriebsangehörige, die nicht mehr benötigt werden, umgeschult und beschäftigt. Diese Gesellschaften unterstehen dem Betrieb und der städtischen/bezirklichen Arbeitsdienstleistungsgesellschaft.

 

3.             Straßenbezirksebene

Diese Gesellschaften bestreiten koordinierende Aufgaben und betreiben Betriebe.

 

Die Arbeitsdienstleistungsgesellschaften sollen den dort Beschäftigten sowie den Betrieben und der Gesellschaft nützen. Wesentliche Aufgaben der städtischen Gesellschaften sind:

              die Verwaltung der Arbeitskräfte, insbesondere der "Auf-Arbeit-Wartenden";

              Durchführung von Personalrekrutierung und Ausbildung über die ihr unterstehenden Organen;

              Betreiben wirtschaftlicher Rechtsgebilde zur Ausbildung und Beschäftigung von in den Betrieben nicht benötigter Arbeitskräfte. In der Stadt Nanjing beispielsweise existieren einige tausend derartiger Rechtsgebilde.[100]

 

Diese betrieblichen Einrichtungen arbeiten nach einem soziokulturellen Grundmuster, welches den Ausgangspunkt der bei uns als Schlanke Produktion bezeichneten betrieblichen Unternehmensphilosophie beinhaltet. Im nationalen Kontext müßte jedoch die Schlanke Produktion auf gesellschaftlicher Ebene weiterentwickelt werden. Schlank bedeutet nicht zuletzt Vermeidung von Verschwendung, auch hinsichtlich der Verschwendung von menschlicher Kreativität, die auf einem rein nach betrieblichen Rationalitätsgesichtspunkten ausgerichteten Arbeitsmarkt nicht zur Genüge abgefordert wird. Eine "Schlanke Gesellschaft" muß für diese Herausforderung eine völlig neue Vollbeschäftigungspolitik entwickeln.[101] Dafür könnten die in die Danwei-Strukturen eingebundenen Arbeitsdienstleistungsgesellschaften Vorbilder liefern. Diese sichern nicht nur eine Beschäftigung für die Danwei-Bewohner, die keine andere Anstellung finden, sondern verbindet ihre Unternehmenstätigkeiten auch mit sozialen Fragen oder der Versorgung der Danwei-Mitglieder. Jedem Danwei-Bewohner soll eine Beschäftigung geboten werden, jeder soll eine Aufgaben finden, jeder soll dadurch sein "Gesicht", seine Würde bekommen. Unter reinen Marktgesichtspunkten wären viele der so erbrachten Leistungen, zum Beispiel die Betreuung alter Menschen, uneffektiv oder zu teuer. In der Danwei ist jedoch der ökonomische und soziale Bereich ganzheitlich verbunden, daher ist sie leistungsfähiger als blinde Marktbeziehungen. Basisdemokratie und Selbstverwaltung, wenn auch in einem starren Vorgaberahmen, funktioniert nach ähnlichen Grundphilosopien, wie die betriebliche Schlanke Produktion:

 

      Informelle Abläufe und Vermeidung von Verschwendung durch ganzheitliche Ansätze.

 

Perspektiven für den Bereich der Arbeitsbeziehungen

 

Das Kapital ist kaum noch an nationale Grenzen gebunden. Durch moderne Kommunikationsinstrumente wird internationales Finanzkapital rund um die Uhr rund um die Welt eingesetzt. Multinationale Konzerne sehen sich immer weniger an nationale Interessen gebunden und suchen als "global players" den Standort mit geringsten Kosten und höchsten Verwertungsmöglichkeiten. Soziale Standards und Umweltgesetzgebung bleiben dagegen national. Die unterschiedlichen Standards in diesen Bereichen führen zu unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen. Tendenziell besteht dabei die Gefahr der Anpassung von Sozial- und Umweltstandards auf niedrigstem Niveau. Die weitverbreitete Meinung, das das Fehlen dieser Standards eine Erfolgsvoraussetzung für den ökonomischen Aufstieg der Schwellenländer bildet, ist jedoch unrichtig. In Südkorea und Taiwan bestehen differenzierte staatliche Regelungsmechanismen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Umweltschutzes gewinnen dort zur Zeit in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung einen zunehmenden Stellenwert. Auch in der VR China gewinnen Arbeits- und Sozialstandards in der praktischen Wirtschaftspolitik eine zunehmende Bedeutung. Die Kritik des niedrigen Niveaus dieser Standards erwidern die chinesischen Entscheidungsträger mit dem Verweis auf die erst beginnende technische Modernisierung und dem Hinweis, das die westliche Länder in einer ähnlichen Entwicklungsstufe sehr viel niedrigere Standart in diesen Bereichen aufwiesen.

 

Durch die Weltmarktvermittlung wirkt sich dieser niedrige Standard auch negativ auf die Arbeitnehmer der traditionellen Industrieländer aus. Die Pyramide mit gesicherten und attraktiven Arbeitsplätzen an der Spitze und einem breiten Bodensatz dauerarbeitsloser Menschen, die fast ohne Aussicht sind, jemals einen gesicherten Arbeitsplatz zu bekommen, wird dadurch auch in den westlichen Industrieländern immer mehr soziale Realität.[102] Vor diesem Hintergrund trafen sich erstmals Anfang 1994 Vertreter der sieben wichtigsten Industriestaaten zu einem "Beschäftigungsgipfel". Der internationale Dialog über dieses Zukunftsproblem kommt in Gang, praktikable Lösungen sind jedoch noch nicht in Sicht. In einem im Dezember 1993 von der Europäischen Union gebilligten Weißbuch über Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung wird die steuerliche Entlastung der Arbeit und als Ausgleich dafür Abgaben auf den Energieverbrauch und auf knappe Ressourcen gefordert.[103] 

 

Soziale und ökologische Probleme sind Teil der Wirtschaftsorganisation und können zusammen in einem integrierten Konzept besser gelöst werden als mit punktuellen Reparaturmaßnahmen. Nach Ausführungen des Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Karel van Mieret, müssen der zunehmenden Öffnung der nationalen Märkten neue Verhaltenskodices gegen Sozial- und Umweltdumping folgen, die er als wettbewerbswidrig bezeichnete. Dazu ist u.a. der Ausbau multilateraler Kooperationsverfahren zwischen den Wettbewerbsbehörden notwendig. Soziale- und Umweltfragen besitzen in der das GATT ablörenden neuen Welthandelsorganisation WTO einen grundlegenden Stellenwert. Insbesondere aus den Schwellenländer wird die zunehmende Thematisierung dieser Fragen als "blaugrünen Protektionismus" kritisiert, durch den die Industrieländer ihren ökonomischen Vorsprung absichern möchten. [104]

 

In diesen Vorschlägen bleiben jedoch grundlegende Ursachen der zunehmenden Krise nationalstaatlich organisierter Erwerbsarbeitsgesellschaften unterbelichtet. Das in den westlichen Industrieländer bislang vorherrschende Modell der sozialstaatlich abgefederten Monetarisierung fast aller Lebensbereiche ist ein in Jahrhunderten entstandene historisches Produkt, das keinesfalls für alle Zeiten und Regionen gültig und sinnvoll ist. Neben den ökologischen und sozialen Folgeproblemen dieser Wirtschaftsweise wird eine nationale Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik immer schwieriger. In den grenzenlosen Kapitalmärkten entkoppelt sich die realen von den monetären Akkumulation.[105] Zur Lösung der daraus resultierenden Zukunftsprobleme sind zum einen neue Formen internationaler und globaler Regelungsmechanismen notwendig. Zum anderen muß eine Neudefinition des Arbeitsbegriffs erfolgen, welche die Arbeitswelt wieder mit der alltäglichen Lebenswelt des Menschen versöhnen könnte.

 

Mit der ökonomischen Modernisierung der VR China verliert das auch dort verfolgte quantitative Wachstumsmodell seine globale Strahlkraft. Die Moderne muß zukünftig in einer vernetzten Welt mit einer sich bis Mitte des nächsten Jahrhunderts auf zehn Milliarden Menschen verdoppelten Weltbevölkerung gestaltet werden. Nicht nur die Bevölkerung Chinas, sondern auch die Bewohner der anderen sogenannten Entwicklungsländer streben dabei einen materiellen Lebensstandard nach westlichem Muster an.[106] Eine Weiterentwicklung des japanischen Grundkonzepts der Schlanken Produktion, der Vermeidung von Verschwendung, auf gesellschaftliche Ebene ist zur Problemlösung notwendig. Die Vermeidung von Verschwendung bedeutet zukünftig die Einschränkung von Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung durch die Nutzung aller zur Verfügung stehender menschlicher Arbeitskraft. Diese Entwicklung kann Asien, nicht zuletzt durch eine eher ganzheitliche Sichtweise, entscheidend mitprägen.

 

Die neu entstehenden Problemkomplexe erfordern einen wesentlich erweiterten und grundsätzlich neuen Aufgabenzuschnitt der betrieblichen Arbeitsbeziehungen. "Die tradierte innerbetriebliche Hierarchie und die bisherige strenge Trennung der Rechtsverhältnisse zwischen ´Bürger/in´ und ´Arbeitnehmer/in´, von Betrieb und Außenwelt, werden in Frage gestellt."[107] Mit herkömmlichen Mitteln und Strukturen ist in den Industrieländern eine Vollbeschäftigungspolitik nicht mehr zu realisieren.[108] Die für die westlichen Industrieländer beschriebenen erforderlichen Neustrukturierungen betrieblicher Arbeitsbeziehungen sollte sich unter anderem an Erfahrungen aus der VR China orientieren. Auch wenn dort, nicht zuletzt durch einen gespaltenen Arbeitsmarkt, gewaltige Probleme bestehen, existieren in vielen Betrieben weitgehende betriebliche Mitwirkungsrechte der Arbeitnehmer und sind in der Danwei Betriebs- und Lebenswelt weitgehend vereint. Diese Vereinigung kann die rein betriebliche Rationalität zugunsten einer gesellschaftlich-sozialökonomischen Rationalität sprengen.

 

 

 

2.2. Steigende Einwohnerzahl, höherer Konsum, schwinde Bodenfläche

 

Auch der ökologische Bereich zeichnet sich in der VR China durch ein ungeheureres Spannungsverhältnis aus. Gewaltige ökologische Probleme und Katastrophen entstehen mit dem umfassenden Ausbau der Produktion und werden durch das Bevölkerungswachstum verstärkt. Auf der anderen Seite bestehen in China meist pragmatische Ansätze zur Eindämmung dieser Probleme und in der Kultur ein Bewußtsein für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur.

 

Die Umwelt gilt in der VR China durch die Ressourcenknappheit als ein wesentlicher Produktionsfaktor. Chinesische Umweltpolitik ist daher in erster Linie Umweltmanagement. Trotz der gewaltigen Umweltprobleme und grundlegenden politischen und sozialen Wandel zeichnet sich die konzeptionelle Umweltpolitik der Zentralregierung durch eine hohe Stetigkeit und für den ökonomischen Entwicklungsstand strenge Schutzmaßnahmen aus. Die Umsetzung dieser Ansprüche ist jedoch nicht sehr erfolgreich. Diese Diskrepanz dürfte als „produktives Spannungsverhältnis" zu einem Teil beabsichtigt sein.

 

Das Straßenverkehrskonzept für China von Daimler-Benz

 

In der gegenwärtigen Reformperiode nehmen die Diskussionen über Umweltthemen und Umweltkonferenzen stark zu. In der Praxis verlagert sich jedoch der Schwerpunkt zwischen Umwelt und ökonomischer Entwicklung in Richtung Wirtschaftsentwicklung. Kathastrophal könnte sich dabei auswirken, das die Kader in der VR China bei ihren Modernisierungskonzepten auf kostenlose Vorleistungen internationaler Konzerne zurückgreifen. Mercedes Benz präsentierte beispielsweise Mitte November 1994 ein Prototyp des Kompaktwagens "Family Car China" in Beijing. Gegen seine neunzehn Mitbewerber, die sich für dieses lukrative Projekt zur Fertigung von 400.000 bis 500.000 Kleinwagen jährlich bewarben, setzte Mercedes Benz auf ein integriertes Gesamtkonzept, das auch eine Verkehrsstudie beinhaltete.[109]

 

Die Grundparameter der Studie sind nur quantitativ und nicht qualitativ gewertet. Unter den für den Vergleich herangezogenen Ländern eignen sich Brasilien und mit Einschränkungen auch Indien für einen qualitativen Vergleich, der jedoch nicht vorgenommen wurde. Die Studie geht in ihrer Grundannahme von einem mechanistischen Entwicklungsablauf aus und propagiert inhaltlich tradierte Entwicklungskonzepte. Bei der "Güterverkehrsleistung in den untersuchten Ländern ist weiterhin zu erkennen, daß die Güterverkehrsleistung mit der Erhöhung des Sozialprodukts steigt" (S. 37). In der Tabelle "Güterverkehrsleistung pro Einwohner" (S. 39) ist unschwer festzustellen, das diese rein quantitative "Tonnenideologie" von der ehemaligen UdSSR im Verkehrssektor am besten beherrscht wurde. Sie erreichte pro Einwohner etwa den vierfachen Wert von beispielsweise Frankreich oder der alten Bundesrepublik Deutschland. Dieses offensichtliche Auseinanderfallen von Quantität und Qualität greift die Studie jedoch nicht auf.

 

Im Kapitel zur "Veränderung der Stellung des chinesischen Straßenverkehrs" bleiben die Hauptverkehrsträger weitgehend unberücksichtigt. Verkehr ist nach einem dieser Analyse zugrundeliegenden ungeschriebenen Konzept nur die mit dem technischen Mittel eines motorbetriebenen Fahrzeugs durchgeführte Entfernungsüberwindung von Personen oder Gütern, welche fast ausschließlich losgelöst von den Zielen dieser Raumüberwindung betrachtet wird. Die Hauptverkehrsträger in der VR China bleiben nach dieser Definition unberücksichtigt. In den chinesischen Städten wird beispielsweise etwa die Hälfte aller Personenbeförderungsleistungen mit dem Fahrrad erbracht; oft ist dies dort auch das schnellste Verkehrsmittel. Auch auf dem Land und bei Gütertransporten ist das Fahrrad ein Hauptverkehrsträger. Insbesondere in ländlichen Bereichen werden außerdem weiterhin ein Großteil der Transporte mit Handkarren oder durch mit Zugtieren bespannte Wagen abgewickelt. Außerdem werden auch fußläufige Bewegungen nicht als Verkehr betrachtet. Zu Fuß können in China, durch die in den "Danweistrukturen" angelegte räumliche Nähe aller Lebensbereiche (Arbeit, Wohnen, Bildung usw.), in kurzer Zeit bei geringen Entfernungen fast alle alltäglichen Dinge erledigt werden.

 

Auch eine Unterscheidung der unterschiedlichen Regionen unterbleibt. Großflächige Provinzen, wie Xinjiang mit 9 Einwohner pro Quadratkilometer, Qinghai mit 6 oder Tibet mit 2 E./qkm werden mit Ost- und Südchina verglichen, wo die Bevölkerungsmehrheit bei einer Dichte von ca. 400-660 E./qkm lebt. In den Stadtprovinzen liegt diese Dichte noch höher, in Shanghai bei über 2.109 E./qkm.[110] Nach einem Bericht der "Volkszeitung" nimmt die Bevölkerung von derzeit 1,17 Milliarden Menschen in der VR China weiter bis mindestens zum Jahr 2040 zu.[111] Gleichzeitig wachsen die Ballungsgebiete zusätzlich durch die Landflucht. In diesen städtischen Regionen ist der weitaus größte Teil aller Personenkraftwagen zugelassen; alleine in Beijing fahren die Hälfte aller privat zugelassenen Autos der VR China.

 

Eine wesentliche Forderung der Daimler Benz-Studie ist die "Verlagerung von Schienenverkehr auf die Straße" (S. 241ff). Im Kapitel "Erhöhung der Erkenntnis von der Verlagerung des Schienenverkehrs auf die Straße" ist die in Hinblick auf eine zukunftsgerichtete, moderne, vernetzte Ökonomie qualitativ substanzlose und unbegründete Argumentationsschiene zu erkennen:

"Verlagerung des Schienenverkehrs auf die Straßen ist eine wichtige Maßnahme zur Regulierung der Verkehrsstruktur und Erschließung des Potentials des Verkehrs. Die betreffenden Behörden sollen die Bedeutung der Verlagerung erkennen und dazu beitragen, daß die Stärken des Schienen- und Straßenverkehrs entfaltet werden" (S. 241).

 

Die Ergebnisse der Studie wurden in der VR China anscheinend im Sinne der Automobilindustrie aufgenommen. In der amtlichen "Beijing Rundschau" wird dies folgendermaßen dargestellt:

"Seit langem bestehen in chinesischen Städten Engpässe im Personentransport. Mit der Zunahme der Stadtbevölkerung wird der Druck in diesem Bereich noch größer. Bei der Vervollkommnung des öffentlichen Verkehrs wird die kräftige Entwicklung der privaten Personenwagen wirksam zur Lösung der Verkehrsfrage in den Städten beitragen. Gleichzeitig gibt es in den Städten zu viele Fahrräder, die ein großes Problem im Stadtverkehr bilden. Mit dem Ersatz von Fahrrädern durch die Personenwagen kann der Stadtverkehr modernisiert werden".[112]

 

Verkehr in asiatischen Ballungszentren

 

Ein Blick in die Ballungsgebieten der VR China genügt um zu sehen, das bereits vor dem voraussichtlichen Zulassungsboom die Straßen hoffnungslos überlastet sind. Ein weiterer Blick in andere Ballungszentren zeigt funktionale Lösungen. In dem chinesischen Stadtstaat Singapur kostet die Zulassungsbescheinigung für einen Mittelklassenwagen umgerechnet weit über 100.000 DM. Zusammen mit Straßenbenutzungsgebühren, Parkgebühren usw. verteuert sich das Autofahren soweit, das der Strßenverkehr fließen kann. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Innenstadt Singapurs liegt bei etwa 30 km/h. Zum Vergleich: In Hongkong schleicht der Verkehr mit 16 km/h, in London mit 15 km/h und in Bangkok mit 5 km/h.[113] In Shanghai steht er zumeist in der Innenstadt.

 

Neben den gewaltigen Volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten, die durch diese selbstinduzierten Staus entstehen, gesellen sich weitere Kosten und Katastrophenpotentiale. Dazu einige Angaben zu den gegebenen natürlichen Vorrausetzungen:

 

      Die VR China muß mit 7 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche 22 Prozent der Weltbevölkerung ernähren;

      Von 1957 bis 1988 gingen 33 Millionen ha Ackerland verloren, seitdem p.A. 760.00 ha;

      Chinas Wüstenfläche stieg seit 1949 von 110 Millionen ha auf 130 Millionen ha;

      Jährlich werden fünf Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens abgeschwemmt. Dadurch steigen die Flußbetten; mancherorts jährlich um fünf bis zehn Zentimeter. Riesige Investitionen für Dämme sind notwendig; bereits heute leben zwei Drittel der Bevölkerung Chinas unterhalb des Wasserspiegels großer Flüsse;

      65 Prozent der Bevölkerung Chinas besitzt keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser;

      Etwa ein Viertel aller Chinesen sterben an Atemwegserkrankungen, die zu einem großen Teil durch Luftverschmutzung verursacht sind.

 

Mit einer Massenmotorisierung würde die Vernichtung des knappen Nutzlandes weiter an Dynamik gewinnen. Gleichzeitig ändert sich mit steigenden Einkommen die Ernährungsgewohnheiten. Vegetarische Produkte werden weniger nachgefragt; der Bedarf an tierischen Produkten steigt. Für Viehzucht ist jedoch viel mehr Fläche und Energie notwendig, als zur Reis- oder Gemüseproduktion. Als Folge davon könnten schon in wenigen Jahren alle fast alle Lebensmittellieferungen, die jetzt noch das nackte Überleben von Millionen Afrikaner sicher, nach China gehen.[114]

 

Das Beispiel dieser Konzeptberatung durch multinationale Konzerne zeigt die interne und externe Vernetzung der Folgeprobleme. China greift auf die Unterstützungen zurück, die dem Land geboten werden. Zur Abwendung regionaler und globaler Katastrophen wäre eine strukturelle unabhängige Beratung in einem internationalen Dialog notwendig. Diese könnte zur Begegnung der ökologisch-sozialen Katastrophen auf Ansätze in China zurückgreifen.

 

Ein Richtungswechsel ist möglich: Die ökonomische Entwicklungspolitik in der VR China spielt sich kulturhistorisch bedingt seit 1949 zwischen den Extremen Wachstum und Verteilung ab. Im Bereich der Ökologie besteht ebenfalls eine kulturhistorisch bedingte doppelte Tradition zwischen den Extremen sanfte Anpassung und gigantischer Naturumwandlung.

 

Ein Richtungswechsel ist überlebensnotwendig: Mit den quantitativen ökonomischen Entwicklungen in der VR China entsteht -auch global- eine qualitativ völlig neue Umweltsituation. Das weltweit geltende Modernisierungskonzept auf Basis der Nutzung fosieler Energie und Rohstoffe ist damit an seinem historischen Ende. Produktion und Produkte werden zukünftig weniger nach ihrem Mitteleinsatz, sondern vielmehr nach möglichst minimaler Schadstoffreisetzung gewertet.

 

Die Formen und Inhalte zukünftiger dauerhafter ökologischer Wirtschaftskonzepte müssen wesentlich von und mit den Staaten Ostasiens und der VR China entwickelt werden. Modernisierung wird dabei nicht mehr überwiegend rein ökonomisch definiert, sondern in seiner gegenseitiger Bedingtheit von wirtschaftlichen Strukturen, regionalen soziokulturellen Gegebenheiten und ökologischen Fragen gesehen. Der Berliner Klimagipfel 1995 kann dafür wesentliche Grundlagen legen.

 

Umweltpolitische Probleme und Konzepte der VR China

 

Im formalen Bereich weist die VR China einige umweltpolitischen Ansätze auf, die bei Berücksichtigung seines ökonomischen Entwicklungsstands beachtlich sind:

 

      Der Umweltschutz ist in der VR China verfassungsmäßig verankert.

      Bereits 1962 erließ das Land als einer der ersten Staaten Bestimmungen über Emissionshöchstwerte.

      Im Jahre 1972 lieferte die VR China wesentliche konzeptionelle Grundlagen für den Zusammenhang von Umwelt- und Entwicklungsproblemen für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

      Für neue größere Industrieprojekte sind Umweltverträglichkeitsstudien vorgeschrieben.

      In verschiedenen chinesischen Städten sind Abgashöchstwerte für Pkw in Kraft.

      In der VR China bestehen über 2.000 Umweltüberwachungsstationen mit mehr als 30.000 Mitarbeitern.

      Die Strafgebühren für die Überschreitung von Schadstoffnormen beliefen sich 1990 auf 1,7 Mrd. Yuan.

      Aufforstungsmaßnahmen: Nach der offiziellen Statistik stieg die Waldbedeckung Chinas seit 1949 von 8,9 Prozent auf 12,3 Prozent.

      Die VR China ist nach eignen Angaben das erste Land auf der Welt, das mit einer im März 1994 verabschiedeten „Tagesordnung Chinas für das 21. Jahrhundert“ konkrete Pläne für die Durchführung der Resolution der internationalen Gipfelkonferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erstellt.

 

Diese Erfolgsbilanz ist jedoch in der Realität oft etwas blasser. Statistische Angaben werden besonders auch in China beschönigt; Überwachungseinrichtungen funktionieren oft mangelhaft und Gesetzeswerke gelten als geduldiges nichtssagendes Papier. Doch nicht das chinesische Modernisierungsmodell ist falsch, sondern das westliche Vorbild liefert den eigentlichen "Unfug".[115] 

 

 

 

2.3. Ressocenverschlingendes Modernisierungsmodell, Ökologie und das Weltklima

 

"Machen wir doch eine ganz einfache Extrapolation. Wir haben heute auf der Welt 500 Millionen Privatwagen. Wir sind 5,3 - vielleicht schon 5,4 Milliarden Menschen. In Ländern wie der Bundesrepublik kommt ein Auto auf etwas weniger als zwei Einwohner. Wenn wir das Ziel weltweit schon erreicht hätten - das ist doch der Zweck der ganzen Entwicklungspolitik -, dann hätten wir auf dem Planeten nicht 500 Millionen Autos, sondern zirka drei Milliarden. Und dann wären wir in wenigen Tagen alle tot".

Der brasilianische Umweltstaatssekretär José Lutzenberger beschreibt mit diesen knappen Sätzen das tödliche Ziel des "Auto-zentrierten" Entwicklungswegs.[116]

 

Die Maßstäbe dafür setzen die westlichen Industriestaaten, und obwohl die zerstörerischen Folgen dieser energieverschlingenden Strategie immer deutlicher zu Tage treten, konzentrieren sich weltweit die ökonomischen Anstrengungen auf diesen Entwicklungsweg. Trotz dieser tödlichen Bedrohung ist bei der Behandlung von Umweltfragen in den Industrieländern eher ein Rückschritt festzustellen. Während der Vorstellung des ersten Gesamtgutachtens zu Umweltfragen durch den Sachverständigenrat für Umweltfragen kritisierten die Verfasser einen "Rückfall in alte Denkstrukturen". Besonders die Verkehrspolitik und der Straßenbau sind nach Ansicht der sieben von Umweltminister Töpfer berufenen Professoren aus ökologischer Sicht unverantwortlich. Wenn Umweltpolitik ernst genommen werden soll, sind nach Meinung der Sachverständigen revolutionäre Änderungen notwendig. Der Bundesverkehrswegeplan, der den Neubau von 11.000 Kilometer Autobahn vorsieht, bedürfe einer ökologischen Überarbeitung. Der Benzinpreis müsse in zehn Jahren auf 4,60 bis fünf Mark erhöht werden, um klimapolitisch glaubwürdig zu werden, forderte das Ratsmitglied Hans-Jürgen Ewers. Die Erhöhung muß nach seiner Darstellung über die EG europaweit realisiert werden.[117] 

 

Nach Ansicht von Werner Resing, Regierungsdirektor im Wirtschaftsministerium, ist die Reduzierung der CO2-Emission "ein Langfristproblem und steht politisch nicht an erster Stelle". In den letzten fünf Jahren stieg der CO2-Ausstoß in den alten Bundesländern um 2 Prozent. Der verkündete Rückgang um 17,6 Prozent resultiert aus der Halbierung des CO2-Ausstoßes in Ostdeutschland durch den Niedergang der dortigen Industrie und dürfte damit auf einmaligen Faktoren beruhen. Der 1987 geschlossenen völkerrechtlichen Vereinbarung, bis zum Jahr 2005 den CO2-Ausstoß um 30 Prozent zu senken, stehen damit in der realen Politik kaum emissionsvermindernde Maßnahmen gegenüber.[118]

 

Bei einer sich noch einmal verdoppelenden Weltbevölkerung und dem unterstellten Nachholbedarf in den bisherigen Entwicklungsländern und Staatshandelsländern wird der weltweite Energieverbrauch auch weiterhin stark ansteigen. Die Verbrennung fossiler Energieträger steigt nach den vorliegenden Prognosen. "Die aus ökologischen Vorsorgegründen empfohlene Stabilisierung der CO2-Emissionen bleibt daher wohl ein Wunschtraum."[119]

 

Für den Verband der Automobilindustrie (VDA) ist ein weiterer Anstieg der CO2-Emission ein zwangsläufiger Prozeß:

"Beim CO2läßt sich ein Ausstieg nicht verordnen. Die CO2-Emission nimmt zwangsläufig mit steigender Bevölkerungszahl zu, weil die Menschen für ihr Überleben Energie benötigen. Da nach Lage der Dinge auch der in Zukunft zu erwartende Energieverbrauch überwiegend und über längere Zeiträume nur durch fossile Brennstoffe gedeckt werden kann, ist ein weiterer Anstieg der globalen CO2-Emission vorgezeichnet. Es handelt sich damit also um ein Problem, das lokal gar nicht bewerkstelligt werden kann. Es läßt sich auch nicht losgelöst behandeln von den existentiellen Problemen der Menschheit wie ihrer Versorgung und Überbevölkerung."[120]

Der Beitrag des Autos am CO2ist aus der Sicht des VDA eher gering und die Zuverlässigkeit der Modellrechnungen umstritten. Der VDA nennt verschiedene fahrzeugtechnische Maßnahmen, die bereits zur Reduzierung der Abgasemission beitrugen. Unerwähnt bleibt, daß es auf die Gesamtemission ankommt und diese durch leistungsstärkere Motoren, weitere Fahrtstrecken und die laufende Zunahme des Kraftfahrzeugbestandes steigt. Der VDA fordert zur Minimierung der CO2-Emission flankierende politische Maßnahmen. Auch diese sind rein technokratisch und konzentrieren sich auf den Neubau und Ausbau von Straßen.[121]

 

Nach Schätzungen der 15. Weltenergiekonferenz (WEK) vom September 1992 und der Internationalen Energieagentur (IEA) vom April 1993 steigt der Primärenergieverbrauch und damit der CO2-Ausstoß in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten um jährlich 1,4 Prozent (WEK) bis 2,0 Prozent (IEA). Die weitere Verminderung der globalen Energieintensitäten (Primärenergieverbrauch bezogen auf das erwirtschaftete Sozialprodukt) durch Energieeinsparung und bessere Ausnutzung der eingesetzten Energie verhindert nur, daß der Energieverbrauch nicht in der gleichen Größenordnung steigt wie das globale Bruttosozialprodukt: um 3 Prozent (lt. IEA zwischen 1990 und 2010) bzw. 3,3 Prozent (lt. WEK zwischen 1990 und 2020).

 

Selbst wenn beide Prognosen teilweise erhebliche Abweichungen in der Gewichtung der einzelnen Energieträger zeigen, sind die daraus abgeleiteten Schlußfolgerungen für den Bereich der Energie- und Umweltpolitik fast deckungsgleich:

 

      Die Entkoppelung von Wachstum und Energieverbrauch und damit der CO2Emission ist nicht in Sicht;

      Auch die Energieeffizienzgewinne reichen nicht aus, um das weitere Anwachsen des absoluten Energieverbrauchs nachhaltig abzubremsen.[122]

 

Die Vereinten Nationen selbst legten bis jetzt keine Jahresberichte zur CO2-Emission vor.[123] Völkerrechtliche Beschlüsse zur Minderung des CO2-Ausstoßes stehen den gegenläufigen realen Entwicklungen mit einem weiteren zukünftigen Anstieg der CO2- Emissionen gegenüber. Aus wissenschaftlicher Sicht konzentrieren sich die Empfehlungen auf einer Halbierung der CO2-Emission bis zum Jahr 2050.

 

Modellrechnung zur Halbierung des globalen CO2-Ausstoß

 

E= Energieverbrauch

W= Weltweit

X= Bevölkerungsanzahl

t= Tonnen

IL= Industrieländer

EL= Entwicklungsländer

 

=1 Mrd*16t+4Mrd.*1t=20 Mrd. t CO2

 

Bei drei Grundannahmen für 2050

 

      Halbierung des globalen CO2-Ausstoßes

      Verdoppelung der Weltbevölkerung

      Global das gleiche "Pro-Kopf-Verschmutzungsrecht"

 

ergeben sich folgende Werte:

 

=1,5Mrd*1t+8,5Mrd*1t=10Mrd. t CO2

 

Quelle: Reinhard Loske, Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie; siehe auch: Reinhard Loske, Ökolumne. Auf nach Berlin, in: Die Tageszeitung 19.03.1994.

 

Dies bedeutet, daß die Entwicklungsländer wieder auf ihren Emissionswert von 1987 zurück müßten und das die Industrieländer ihre Emission um das Sechzehnfache verringern müßten. Die Alternative zu diesem radikalen Wandel ist eine globale Klimakatastrophe, die in historisch unvorstellbar kurzer Zeit auch alle menschlichen Lebensgrundlagen zerstören könnte.

 

Die klimaverändernden Emissionen der letzten Jahrzehnte entstanden zum überwiegenden Teil in den Industrieländern. Und immer noch verursacht durch den Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung ein Chinese lediglich 2 Tonnen CO2 pro Jahr, ein Deutscher 12 Tonnen und ein Bürger der USA 20 Tonnen CO2.[124] Die negativen Folgen der dadurch entstehenden Klimaveränderungen jedoch wirken sich voraussichtlich zu mehr als drei Vierteln in der Dritten Welt aus. Meyer-Abich nennt dies die "dritte Welle der Kolonisierung": Nach der militärischen Kolonisierung und der Kolonisierung durch ungerechte internationale Wirtschaftsverhältnisse werden nun durch die Öko-Kolonisierung die Lebensbedingungen in der Dritten Welt vollends zugrundegerichtet.[125]

 

In den relevanten Studien über ein "sustainable development"[126], einer nachhaltigen Entwicklung, steht die grundlegende Umstrukturierung der Bereiche Energie und Verkehr im Mittelpunkt der Denkmodelle.[127] Die vorhandene Technik kann dafür zwar genutzt und weiterentwickelt werden, grundlegend und Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung ist jedoch eine völlig neue Grundstruktur, der Einsatz von mehr sinnvoller Arbeit, weniger Kapital, Rohstoffe und Energie. Nach Berechnungen des Berliner Politologen Martin Jänicke kann der Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe auf unter ein Zehntel der heutigen Menge sinken wenn:

 

      die Lebensdauer der Produkte um ein Drittel verlängert wird;

      sie um ein Drittel kleiner wären;

      ein Drittel mehr recycelt würde

      die Nutzung Wieder- und Weiterverwendung um ein Drittel intensiver wäre;

      bei der Produktion dem Verbrauch das Material um ein Drittel besser genutzt würde;

      ein Drittel mehr erneuerbare Rohstoffe verwandt würden.

 

Technische Probleme verhindern eine derart gesellschaftliche wirklich Schlanke Produktion weniger, als politische und instutionelle Barrieren. Doch die globale Entwicklung für eine wachsenden Weltbevölkerung erzwingt ein politisches Umdenken nicht nur in technischen Bereichen. Für die VR China ließe sich als Modernisierungsziel die Herstellung beispielsweise eines Personenkraftwagens mit einem Zehntel des bis jetzt üblichen Rohstoffverbrauchs leichter setzen, als in den traditionellen Produktionsstandorten. In China werden grundlegende Strukturen in diesen Bereich erst geschaffen, die Widerstände der wenigen Verlierer einer nachhaltigen Entwicklung sind dort weitaus geringer als in den Industrieländern. Diese ökologisch-technische Modernisierung erfordert jedoch als Basis eine ökologisch-strukturelle Basis. Das Automobil ist dabei nur ein Teil in einem möglichst ökologischen und sozialem Verkehrssystem.[128]

 

Die Schlanke Produktion vermeidet im Herstellungsprozeß Verschwendung und sorgt damit tendenziell für Vermeidung von Naturverbrauch. Dieser Prozeß wird jedoch in der VR China aufgehoben, da die Produktion gewaltig ausgeweitet wird. Durch das enorme quantitative Wachstum entstehen auch bei Nutzung der modernsten Produktionsverfahren in der Automobilproduktion und durch den explosionsartig zunehmenden Autoverkehr gewaltige Zuwächse an ausgestoßenen Gift- und Schadstoffen. Der Anteil des Verkehrs am Energieverbrauchs und damit der Emissionen des Verkehrs an dem Gesamtenergieverbrauch bzw. an der Gesamtemission ist in der VR China bis jetzt noch sehr gering.

 

Schaubild: Endenergieverbrauch nach Sektoren, Anteile 1989

 

Quelle: World Resources Institut, World Resources 1992-93, A Guide to the Global Environment, Towards Substainable Development, New York, Oxford 1992.

 

 

In den Millionenstädten der VR China gesellen sich diese zusätzlichen Schadstoffbelastungen zu den Giften aus kaum gefilterten Industrie- und Hausverbrennungseinrichtungen. In China halten einige Städte den traurige Weltrekorde an verschiedenen Luftschadstoffen. Unter den weltweit ermittelten zehn Großstädten mit den dramatischsten Umweltverschmutzungen liegen fünf in China. Doch nicht nur die Luft wird zusätzlich vergiftet, sondern auch der knappe Boden wird durch neue Straßen und Autobahnen versiegelt und durch die Deposition der emittierten Gifte belastet. Zehn Millionen Hektar Land sind durch Industrieabfälle verseucht.[129]

 

Im globalen Rahmen werden alle Vereinbarungen und völkerrechtlich bindenden Beschlüsse zum Schutz der Erdatmosphäre hinfällig, wenn die VR China ähnliche Entwicklungswege wie Taiwan oder Südkorea einschlägt. Die VR China wird sich jedoch sicherlich die weitere Modernisierung nicht verbieten lassen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma können die Industrieländer nur in einem gleichberechtigten Dialog mit der VR China und anderen aufstrebenden Ländern entwickeln. Hier sind völlig neue Konzepte zu erwarten. China entwickelt sich mit Sicherheit nicht zu einer automobilen Gesellschaft im westlichen Sinne. Eher wird durch die neuesten Entwicklungen in der VR China das zwangsläufige Ende des "Auto-zentrierten" Entwicklungskonzepts deutlich.[130]

 

Die in Rio von 150 Staaten beschlossene und bis jetzt von 55 Ländern ratifizierte Klimakonvention beruht auf einem evolutiven Konzept. Die Grundlagen der Konvention müssen den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepaßt werden, damit "eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert" wird. Als Vorbild für die Umsetzung der CO2-Reduktion könnte das "Montrealer Protokoll über Substanzen, die zum Abbau der Ozonschicht führen" aus dem Jahre 1987 dienen. Auf der ersten Konferenz der Vertragsparteien der Klimakonvention 1995 in Berlin sind entsprechende Schritte in diese Richtung zu erwarten.[131]

 

Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) stellte Überlegungen zur Aufnahme von Umweltstandarts im Rahmen der Welthandelsorganisation an.[132] Während eines Symposiums des Gatt im Juni 1994 wurde dafür der Dialog mit Umweltverbänden, unter anderem dem World Wide Fund for Nature (WWF) und Greenpeace, gesucht. Ein Ausschuß der Welthandelsorganisation, die Anfang 1995 das Gatt ablöst, soll sich mit den Zusammenhängen zwischen Handelssystem und Umweltschutz befassen. Öko-Normen, Produktkennzeichnungen oder Verpackungsvorschriften erfordern eine internationale Abstimmung. Der Ausschuß wurde auch beauftragt zu prüfen, inwieweit das in Rio festgelegte Ziel einer nachhaltigen Entwicklung eine Ergänzung des neuen Gatt-Regelwerks erfordert oder wie Umweltkosten mit Öko-Abgaben transparent gemacht werden können.

 

Vertreter der Entwicklungsländer befürchten durch neue global gültige Umweltbestimmungen eine Abwälzung der ökonomischen Kosten einer ökologischen Anpassung auf die schwachen Länder und damit eine moderne Form des Kolonialismus. Nach ihrer Ansicht müßten zuerst die Konsumenten in den Industrieländern die Umweltkosten für ihren Lebensstiel zahlen. Diese liegen beispielsweise für ein US-amerikanisches Mittelklassenkraftfahrzeugs bei Berücksichtigung aller externen Kosten über den gesamten Lebenszyklus bei 250.000 US-Dollar.[133]

 

Ein Ansatz zur Abschwächung der lebensbedrohlichen Folgeprobleme des bisherigen industriellen Wirtschaftsmodells besteht in dem ökologischen Umbau des Steuersystems. Das diese Forderungen noch vor wenigen Jahren von breiten Kreisen aus Wirtschaft und Politik als wirklichkeitsfremde Utopien bezeichnet wurden, zeigt nicht nur die Wirklichkeitsferne dieser Vertreter, sondern auch die Dynamik laufenden Diskussionen.[134] Die Europäische Kommission sieht in der Einführung von Ökosteuern eine einzigartige Chance für Wachstum und Beschäftigung. Auf das Bruttosozialprodukt bezogen beläuft sich die Einkommenssteuerquote in der EU auf ca. 25 Prozent. Die Umweltsteuern betragen zur Zeit nur 2,65 Prozent, wobei alleine 2,37 Prozent aus Steuern und Abgaben aus dem Verkehrsbereich, insbesondere der Kraftstoffsteuer stammen. In dieser Steuerstruktur liegen gewaltige Umschichtungsmöglichkeiten für eine aufkommensneutrale ökologische Steuerreform, die gleichzeitig einen hohen beschäftigungsfördernten Effekt aufweist. Die stereotyp vorgebrachte Warnung vor einem nationalen, in diesem Falle EG-weiten, Alleingang ist aus Sicht der EG Kommission unbegründet. Ökosteuern fördern die "sauberen" Zukunftsindustrien, die nach Schätzungen bereits bis zum Jahr 2000 im Marktvolumen um 50 Prozent anwachsen.[135]

 

Die Auseinandersetzungen zwischen Industrie und Politik um die Ökosteuer zeigt die Innovationsschwäche der Wirtschaft. Auf eine Tagung von BDI und Umweltministerium zu diesem Thema warnten die Industrievertretern mit althergebrachten Argumenten vor der Einführung von Umweltsteuern. In marktliberaler Tradition verwiesen sie auf Probleme der sinkenden Wettbewersfähigkeit einzelner Branchen und die bisherigen Milliardeninvestitionen der Wirtschaft in "Ökotechnik". Vertreter des Umweltministeriums wiesen darauf hin, das nennenswerte Fortschritte im Umweltschutz nur dann eintreten, wenn der Gesetzgeber Grenzwerte festlegte.[136]

 

Grund für die neuerliche Konjunktur des Themas Energiesteuern in Deutschland lieferte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In der umfassenden Studie des DIW werden Modelle einer allmählichen und aufkommensneutralen Einführung von Ökosteuern präsentiert. Damit wird der erforderliche Strukturwandel unterstützt und die Schaffung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsstruktur gefördert. Die wichtigsten Elemente des DIW-Konzepts sind:

 

      Ab 1995 sollen auf alle konventionellen Energieträger eine Energiesteuer erhoben werden. Diese sollte sich nach dem Energiegehalt richten, in kleinen Schritten eingeführt und allmählich angehoben werden;

      Alle Einnahmen aus der Energiesteuer sollen in Form der Senkung der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung an die Wirtschaft zurückfließen und an private Verbraucher in Form eines Ökobonus.[137]

 

Die positiven Effekte der Ökosteuer sind nach der DIW-Studie enorm, dem stehen nur sehr geringe negative Effekte gegenüber:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Effekte der Ökosteuer

 

Jahr

2000

2005

Energieverbrauch insgesamt

(Basisjahr 1987: 15.297 Petrajoule)

-15,6%

-20,6%

      Effekt der Ökosteuer

-5,3%

-10,4%

CO2 -Emission insgesamt

(Basisjahr 1987: 1.058 Mio. t)

-15,4%

-21,3%

      Effekt der Ökosteuer

-5,3%

-10,3%

Beschäftigung*

+ 300.000

+ 610.000

Preisniveau*

+0,6%

+1,5%

Inländische Produktion*

+0,1%

-0,2%

Abnahme der Staatsschulden*

6,1 Mrd. DM

14,3 Mrd. DM

* gegenüber Referenz-Szenario ohne Öko-Steuerreform

 

Zusammenstellung nach: Fritz Vorholz, Ohrfeige für die Bremser. Ökosteuer: Zum ersten Mal weisen Wissenschaftler nach, daß die Reform ökonomisch sinnvoll und sozialverträglich ist, in: Die Zeit 10.06.1994.

 

Die Kritik der Industrievertreter an diesem Modell konzertiert sich auf zwei Bereiche:

 

      "Ökosteuern korrigieren durch staatliche Eingriffe Marktpreise, um das Verhalten der Wirtschaftssubjekte mit den Zielen des Umweltschutzes in Einklang zu bringen. Damit haben Ökosteuern einen dirigistischen, staatswirtschaftlichen Charakter. Die Wirtschaft mit Umweltsteuern zu lenken, führt zu einem ökonomisch kostspieligen Einstieg in die ökologische Planwirtschaft";

      "Die Vorstellung, daß eine ökologische Steuerreform zu mehr Beschäftigung führt, ist unrealistisch. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall".[138]

 

Konzepte für eine wirklich tragfähige Entwicklung präsentieren die Industrievertreter jedoch nicht. Dabei zeigt bereits ein Blick auf Globalzahlen, welche Folgen eine Globalisierung der Wirtschaftsweise der Industrieländer zur Folge hat. Weltweit lagen 1989 die energiebedingten C02-Emissionen bei 21, 6 Mrd. t. Drei Viertel dieser Emissionen verursachten die Industrieländer; darunter die OECD-Staaten mit 10 Mrd. Tonnen 47 Prozent und die industrialisierten ehemaligen Staatshandelsländern mit 25 Prozent der Gesamtemissionen.[139] Eine Industrialisierung und ein Verkehrssystem nach europäischen Muster würde in der VR China zu einer C02-Emission pro Kopf von ca. 10 t., nach nordamerikanischen Muster von 20 t. führen. Im ersten Fall wären dies 11,5 Mrd. t. im Jahr, im zweiten 23 Mrd. t. energiebedingte C02-Emissionen pro Jahr in der VP China - etwas mehr als die heutige weltweite Gesamtemission. Aufschläge auf diese Gesamtmenge durch den abzusehenden Bevölkerungszuwachs in China sind dabei noch unberücksichtigt.

 

Gleichzeitig beabsichtigt die VR China ihre Energiegewinnung aus Atomkraft auszubauen. Auch wenn dadurch der Emissionsanstieg etwas abgemildert wird, liegen darin vielfältige Risikopotentiale, die alleine durch die Menge und die überaus dichte Besiedlung eine besondere Qualität aufweisen. Anfang 1994 ging das erste große Atomkraftwerk in der VR China in Betrieb. Ein zweiter Block befindet sich im Bau und zwei weitere Blöcke wurden in Zusammenarbeit mit Frankreich in Auftrag gegeben. Bis zum Jahr 2000 sollen weitere Atomkraftwerke mit einer installierten Leistung von 8.000 MW in Bau sein. Die installierte Kapazität soll von 40.000 MW im Jahr 2015 auf 150.000 MW bis zum Jahre 2050 steigen.[140] Zum Vergleich: der 1991 in der Nähe von Daya Bay errichtete erste kommerzielle Atommeiler erreicht eine Leistung von 300 MW. Beim weiteren Ausbau ist eine intensive Zusammenarbeit mit Rußland geplant.[141]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schaubild: Die 21 größten energiebedingten Emittenten der Welt

in t CO2 pro Kopf und Jahr (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schaubild: Die 21 größten energiebedingten Emittenten der Welt - in Mio. t CO2 (1989)

 

In der VR China sind die ökologischen, sozialen und ökonomischen Probleme des hohen Wirtschaftswachstums immer deutlicher zu sehen. Investitionsoptimierung, qualitative Verbesserungen und eine nachhaltigere, abgestimmte Entwicklung[142] sollen nach den neuesten wirtschaftspolitischen Beschlüssen der Zentralregierung das bisherige quantitative Wachstum ablösen.[143] Vorbild in einigen Bereichen könnte dabei Japan sein: Hier stieg zwischen 1970 und 1990 das Bruttosozialprodukt pro Kopf um 120 Prozent, gleichzeitig sank der Energieverbrauch pro Kopf um 30 Prozent. Umweltaspekte spielen für japanische Auslandsinvestitionen eine zunehmende Rolle und sind auch in diplomatischen Bereichen, beispielsweise Entwicklungshilfeleistungen, eingebunden. Der japanische Unternehmensverband Kaidanren fordert seine Mitglieder auf, bei Auslandsgeschäften die gleichen Umweltstandards einzuhalten wie in Japan. Hinter diesen für eine dauerhafte Entwicklung sicherlich sinnvollen Dingen steht das Interesse Japans, durch technische und technokratische Vorgaben in diesem Bereich, insbesondere in den asiatischen Nachbarländern, an Einfluß zu gewinnen.[144] 

 

In der VR China sind bereits seit 01.07.1993 in einigen Gebieten und Städten, darunter die gesamte Provinz Guangdong, Bestimmungen über Abgaben für den Schwefeldioxid-Ausstoß in Kraft.[145] Aufgrund der sich in China abzeichnenden Umweltprobleme sind weitere Emissonsabgaben in näherer Zukunft zu erwarten. Für den Bereich des Automobilverkehrs ist dabei, zusammen mit technischen Verbesserungen, eine höhere Besteuerung des Treibstoffes vorgezeichnet. Diese könnte in einem "ökologischen Steuerkonzept" gleichzeitig die Kosten der menschlichen Arbeit verringern und damit die Beschäftigungsprobleme abschwächen.

 

Die "Effizienzrevolution" durch einen verbesserten Energieeinsatz, die in den Industrieländern nach Expertenmeinung ohne Wohlstandsverlust zu einer zehnfachen verbesserten Energienutzung führen könnte, bietet in der VR China noch größere Einsparpotentiale. Neben den technologischen Optimierungsmechanismen bestehen organisatorische Einsparpotentiale. Beispielsweise führt der Zwang zu einer Großserienfertigung in den nächsten Jahren zu der Schließung hunderter kleiner Automobilfabriken in China führen. Die neuen Großmontagewerke in der VR China könnten weitgehend recycelbare Fahrzeuge bauen, die in den bisherigen kleinen Automobilfabriken zerlegt und die Rohstoffe wiederaufbereitet werden könnten. Technisch wäre dies machbar und in der VR China gesamtgesellschaftlich auch ökonomisch. Konkrete Angebote der Automobilkonzerne für die Produktion eines derartigen leicht zerlegbaren Wagens in China fehlen. Ähnliche kurzsichtige Konzepte waren in China noch vor zwei Jahren bei anderen Fragen zu sehen. In mehreren Joint-Ventures wurde damals auf die Frage nach Plänen zur Produktion eines modernen Kleinwagens erwidert, das dies "für die Chinesen noch zu früh wäre"[146]. Staatlich Vorgaben verlangen nun in China ein Konzept für einen solchen Kleinwagen, worauf achtzehn große internationale Automobilkonzerne Projektstudien dafür vorlegten.[147]

 

Die chinesische Ökonomie ist in wesentlichen Bereichen noch durch einen gewaltigen Ressourceneinsatz zur Produktion verhältnismäßig weniger Güter gekennzeichnet. Beispielsweise wird zur Erzeugung einer Kilowattstunde elektrischer Energie in der VR China fast doppelt soviel Brennstoff eingesetzt wie in modernen deutschen Anlagen. Der Energiemangel entsteht durch zu billige Energie, weniger durch Mangel an Brennstoffen. Als Folge davon benötigt die VR China für eine Einheit des Bruttosozialprodukts etwa fünfmal soviel Energie wie die USA, zehnmal soviel wie die Bundesrepublik und Fünfzehnmal soviel wie Japan. Durch Verbesserung des Energiemanagements und Optimierung von Prozeßabläufen ließe sich in der VR China einige Jahre lang ein weiteres ökonomisches Wachstum realisieren, ohne zusätzliche Energie aufzuwenden. Durch die daraus folgenden Betriebskosteneinsparungen können sich die Investitionen zur Energieeinsparung selbst finanzieren.[148] Das Potential an Ressourceneinsparung und damit an Betriebskosteneinsparung wurde jedoch in den untersuchten Joint Ventures im Automobilbereich kaum genutzt. Zwar wird dort, im Vergleich zu rein chinesischen Automobilwerken, mit modernerer Technik ressourcenschonender produziert. Doch gibt es keine zusammenhängenden Konzepte zur Energieeinsparung (beispielsweise durch Kraft-Wärme-Koppelung) oder im Bereich der Logistik (beispielsweise durch Frachtzentren).[149]

 

Technische Optimierung alleine kann das Zuschnappen dieser tödlichen Energie- und Emissionsfalle jedoch allenfalls kurze Zeit hinauszögern. Die Basis von Konzepten, die eine nachhaltige ökonomische Entwicklung anstreben, welche auch das Leben zukünftiger Generationen ermöglicht, ist prinzipieller Natur. Diese Konzepte müßten in den Industrieländern ansetzen, die immer noch global den Maßstab für ökonomische Entwicklung setzen, einen Maßstab, der bei den Emissionenswerten global zur Katastrophe führt.[150] Je deutlicher sich diese Katastrophe abzeichnet, desto umwälzender werden die umgesetzten Gegenmaßnahmen, welche die Katastrophe abwenden, auf die Ökonomie wirken. Der Beschluß der Genfer Giftmüllkonferenz, der ein lückenloses Verbot des Exports gefährlicher Abfälle aus den OECD-Staaten in die übrige Welt ab 1998 ermöglicht, wäre vor wenigen Jahren als real durchsetzbare Handlungsalternative undenkbar gewesen.[151] Eine Generation, die schon im Vorschulalter Begriffe wie Ozonloch oder Waldsterben lernen muß, wird die zukünftige Politik bestimmen. Für diese Generation ist ein völkerrechtlich verbindlicher Beschluß zur Begrenzung und Kontrolle der nicht zuletzt durch Automobile verursachten Giftemissionen keine Utopie, sondern von Überlebensinteresse. Die Konzepte der Männer in der Automobilbranche zeigen besonders bei der gewünschten Umsetzung ihrer Konzepte in der VR China eine nostalgische Sehnsucht nach den Zeiten, während welcher sie ihre großen Erfolge feiern konnten und die heutigen Probleme noch nicht absehbar waren. Ihr Festhalten an alten Konzepten, die Verharmlosung der Folgen einer globalen automobilen Gesellschaft, ist zum Scheitern verurteilt. Der ökonomische Erfolg eines Automobilkonzerns, aber auch einer Nationalökonomie, wird zukünftig wesentlich davon abhängen, wie die Folgeprobleme des Wirtschaftens abgeschwächt oder gelöst werden können und wie die gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Bereiche in ihrem Vernetzungszusammenhang begriffen und in einem positiven Sinne gestaltet werden können. Die Automobilindustrie der VR China könnte dabei eine Vorreiterrolle spielen. Erforderlich ist dafür jedoch nicht nur ein Umdenken der Manager in den Automobilkonzernen, sondern es müssen auch neue Formen der multinationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit entwickelt werden.[152]

 

Durch die hohe Bevölkerungsdichte, die Knappheit an landwirtschaftlich nutzbaren Bodens und Ernährungsprobleme besteht in China bereits seit längerem ein vergleichsweise intensive Auseinandersetzung mit den durch die Industrialisierung entstehenden Umweltproblemen. Diese haben durch die speziellen Bedingungen in China eine direktere negative Auswirkung auf die lokale Ernährungssituation und die Gesundheit der Bevölkerung.[153] Die Volkswirtschaftlichen Schäden der Umweltverschmutzung in der VR China belaufen sich pro Jahr auf 100 Milliarden Yuan (19,5 Mrd. DM), dies entspricht etwa 18 Prozent des Staatshaushalts. Schon alleine bei der Berücksichtigung der direkten Folgekosten ist ein dauerhaftes Entwicklungsmodell in der VR China auch ökonomischer, als tradierte Industrialisierungsstrategien.

 

 

 

2.4. Chinas "Agenta 21"

 

Das überwiegend auf einen quantitativen Wirtschaftswachstum ausgerichtete Modernisierungskonzept der VR China erzeugt immer größere Folgeprobleme: Viele Fabriken müssen mehrere Tage in der Woche ihre Produktion wegen Energie- oder Rohstoffmangel einstellen, der Straßenverkehr in den meisten chinesischen Großstädten wird immer langsamer und bricht oft vollends zusammen, Erkrankungen und materielle Schäden durch Umweltverschmutzung steigen stark an. Im globalen Rahmen würde die Entwicklung in China und den aufstrebenden asiatischen Staaten nach westlichen Verbrauchsmuster zur endgültigen Klimakathastrophe führen. Auf Grund dieser nationalen und globalen ökologischen Problembereiche zeichnet sich mit der dynamischen Wirtschaftsentwicklung in der VR China der Zwang zu neuen, dauerhaft verträglichen Entwicklungskonzepten ab. Die Grundlagen dieser Konzepte werden zur Zeit entwickelt und können die internationalen Wirtschaftsbeziehungen in absehbarer Zeit grundlegend verändern.

 

Die VR China verabschiedete im März 1994 angesichts der gewaltigen Probleme, welche durch das rapide Wirtschaftswachstum entstehen und die durch die weitere Bevölkerungszunahme verstärkt werden, eine "Tagesordnung für das 21. Jahrhundert" für eine koordinierte Entwicklung von Umweltschutz und Wirtschaft. China ist damit nach eigenen Angaben das erste Land in der Welt, das konkrete Pläne zur Durchführung der Konferenzresolutionen der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro erstellte. In der Strategie der "Tagesordnung" sollen vier Entwicklungsebenen miteinander verknüpft werden:

 

1.     Die Strategie der anhaltenden Entwicklung;

2.     Die anhaltende gesellschaftliche Entwicklung;

3.     Die anhaltende wirtschaftliche Entwicklung;

4.     Der Umweltschutz und die anhaltende und vernünftige Nutzung von Ressourcen.

 

Der Leiter des Staatlichen Amts für Umweltschutz, Xie Zhenhua, sieht in der Tagesordnung für das chinesische Umweltmanagement ein den speziellen Gegebenheiten Chinas angepaßtes Konzept für eine nachhaltige Entwicklung:

"Dieses Dokument, das von strategischem Denken für eine anhaltende Entwicklung geprägt ist, ermöglicht unserem Land bei der Ausarbeitung des mittel- und langfristigen Entwicklungsplans eine koordinierte Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft, Ressourcen und Umwelt."

Programmen oder Gesetzesvorhaben der VR China mit weitgesteckten Zielen besitzen in der Regel einen weniger verbindlichen Charakter als in den westlichen Ländern sondern geben mehr eine Zielrichtung an. Dennoch ist durch die Verabschiedung der "Tagesordnung" eine grundlegende Neuausrichtung der chinesischen Modernisierungskonzepte zu erwarten.

 

Für die Umsetzung der "Tagesordnung für das 21.Jahrhundert" im ökonomischen Bereich liefern die Ende März vom Staatsrat der VR China verabschiedeten "Industriepolititischen Richtlinien für die 90er Jahre" erste Anhaltspunkte. In einem schwierigen Spagat sollen durch zentrale Koordination und Rahmenplanung die negativen Auswirkungen der dynamischen und ungleichgewichtigen Entwicklung abgeschwächt und gleichzeitig die Eigenverantwortung der einzelnen Wirtschaftssubjekte gestärkt werden. Die Staatliche Planungskommission ist dabei für die Analyse, Formulierung und Koordination der Wirtschaftspolitik in Abstimmung mit den einzelnen Ministerien verantwortlich. Für die Umsetzung dieser Politik tragen die verschiedenen zentralen Ministerien sowie die Provinzregierung für ihren jeweiligen Bereich die Verantwortung. In den "Richtlinien" sind die zukünftigen Schwerpunkte und Ausrichtungen der neuen Wirtschaftskonzeption für die wichtigsten Wirtschaftssektoren vorgegeben. Beispielsweise besteht für den Energiesektor die Vorgabe der gleichzeitigen Erschließung von Energiequellen und Erhaltung der Energiebasis. Die Energieressourcen sollen dabei in einer koordinierten Entwicklung genutzt werden. Die Mechanismen für die praktische Umsetzung der neuen Richtlinien in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen entstehen zur Zeit in einer Auseinandersetzung der verschiedenen Machtgruppen. Auch wenn diese teilweise noch von einer ideologischen Rhetorik geprägt ist, sind diese hauptsächlich durch die speziellen Interessen, beispielsweise verschiedener Provinzen oder einzelner Branchen, erklärbar. In den Auseinandersetzungen zeigen sich auch die gewaltigen Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung eines koordinierten, langfristig tragbaren Entwicklungskonzeptes für die Umwelt und Wirtschaft. Dennoch ist ein grundlegender Kurswechsel von dem bisherigen überwiegend quantitativ ausgerichteten ökonomischen Entwicklungskonzept hin zu einem qualitativen Wirtschaftspolitik auch in der Praxis zu erkennen.

 

Während der UNCED-Konferenz in Brasilien verpflichteten sich die Industrieländer den Entwicklungsländern bei einer dauerhaft verträglichen Entwicklung ihrer Wirtschaft zu helfen um eine globale Umweltkathastrophe zu verhindern. Vor dem Hintergrund, das die bisherige Umweltverschmutzung zum weitaus größten Teil in den Industrieländern verursacht wurde, forderte Song Jian, Vorsitzender der Staatlichen Kommission für Wissenschaft und Technik, auf einer Konferenz über Chinas Tagesordnung für das 21. Jahrhundert die Industriestaaten auf, dieser Verpflichtung nachzukommen. Diese Konferenz, die Anfang Juli 1994 in Beijing stattfand, wurde von der chinesischen Regierung und dem Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veranstaltet. Auf dieser Konferenz vereinbarten Repräsentanten aus über 20 Ländern und internationale Organisationen, Absichtserklärungen für eine Kooperation in etwa 40 spezifischen Projekten. Nach den Ausführungen von Song investiert China in 62 bevorzugten Projekten, die in die erste Gruppe der "Tagesordnung für das 21. Jahrhundert" aufgenommen wurden, etwa 2 Milliarden US-Dollar. Diese vorrangigen Projekte umfassen neun Bereiche:

 

 

1.        Erhöhung umfassender Fähigkeiten

2.        Langanhaltende Entwicklung der Landwirtschaft

3.        Saubere Produktion und die Umweltschutzindustrie

4.        Saubere Energie und die Entwicklung des Verkehrwesens

5.        Schutz und Nutzung der Naturressourcen

6.        Kontrolle der Umweltverschmutzung

7.        Beseitigung der Armut und Sanierung der regionalen Entwicklung

8.        Bevölkerung, Gesundheit und Umwelt

9.        Globale Veränderungen und Schutz der Vielfältigkeit der Lebewesen.

 

Diese Projekte sollen in dem nächsten Fünfjahresplan für Volkswirtschaft und soziale Entwicklung (1996-2000) einfließen. China möchte auf dem Gebiet des globalen Umweltschutz die Zusammenarbeit mit allen Ländern und internationalen Organisationen verstärken. Der Generalsekretär des UNDP, James Speth, versicherte China die volle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft bei der Umsetzung des Programms.

 

Die während der UNCED-Konferenz in Brasilien beschlossene Klimakonvention ermöglicht eine umfassende Zusammenarbeit zwischen Entwicklungsländer und Industrieländer bei der Unterstützung einer ökologisch ausgerichteten Wirtschaftsentwicklung. Vom 28. März bis zum 07. April 1995 findet die Nachfolgekonferenz von Rio in Berlin statt, eine der größten internationalen Konferenzen, die je in Deutschland veranstaltet wurde. Während der Berlin-Konferenz sollen diese Zusammenarbeitsmechanismen weiterentwickelt und konkretisiert werden. Für die deutsche Umweltschutzindustrie, die weltweit eine führende Stellung einnimmt, ergibt sich durch die Berlin-Konferenz eine einmalige Gelegenheit zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit China und anderen aufstrebenden asiatischen Staaten.[154]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Die Rolle der Volksbefreiungsarmee im Modernisierungsprozeß

 

Die vorliegende Analyse konzentriert sich auf der Darstellung neuer Konfliktpotentiale, die sich aus der dynamischen ökonomischen Entwicklung in der VR China ergeben. Auch wenn durch diesen Untersuchungsrahmen in der Fragestellung damit rein militärpolitische Aspekte ausgeklammert bleiben, ist bei verschiedenen Einzelaspekten die Rolle des Militärs im ökonomischen Modernisierungsprozeß vom besonderem Interesse. Dies zum einem, da die Volksbefreiungsarmee (VBA) sich in der VR China selbst zu einem der größten kommerziellen Unternehmer entwickelte. Zum anderen auch, da der sogenannte Taiwankonflikt die praktische Zusammenarbeit im Wirtschaftsraum "Greater China" mit bestimmt. Schließlich ist die mögliche Rolle der VBA bei der anstehenden Neuformation der politischen Machtverteilung in der VR China von besonderem Interesse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.1. Die Volksbefreiungsarmee als gewinnorientierter Unternehmer

 

Nach dem Massaker 1989 in Peking verschlechterte sich das Image der Volksbefreiungsarmee, insbesondere in Intelektuellenkreisen, schlagartig. Zuvor galt in der VR China im Bewußtsein der Bevölkerung die VBA als wirkliche Armee des Volkes und für das Volk, das China von erniedrigender Zwangsherrschaft und blutigen Bürgerkriegen befreite. Soldat war einer der angesehensten und begehrtesten Berufe. Das gesunkene gesellschaftliche Ansehen ist heute jedoch hauptsächlich eine wohl unbeabsichtigte Folge der ökonomischen Reformpolitik in der nach Deng "reich werden als ruhmreich" gilt. Die Propagandaabteilungen der VBA versuchen das sich verschlechternde Image der Armee mit der Präsentation neuer soldatischer "Musterhelden" nach altem Vorbild zu heben. Gleichzeitig sollen mit diesen Vorbildkampagnen dem gesellschaftlichen Werteverfall Einhalt geboten werden.[155]

 

Diese moralischen Kampagnen verlaufen zeitgleich mit einer grundlegenden Umstrukturierung und Modernisierung der Armee. Die zentrale Militärkommission der chinesischen Volksbefreiungsarmee (VBA) beschloß auf einer erweiterten Sitzung im Dezember 1993 eine weitere Demobilisierung und Modernisierung. Ab 1994 sollen von den insgesamt 3,2 Millionen Soldaten (1985: ca. 4 Millionen) bis zu einer halben Million demobilisiert und überwiegend in der paramilitärischen Bewaffneten Volkspolizei, bei der städtischen Streifenpolizei und in Spezialeinheiten zur Unruhebekämfung untergebracht werden. Nicht nur staatliche Betriebe, sondern auch Joint Ventures und Privatunternehmen sollen demobilisierte Soldaten einstellen, ansonsten müssen sie mit Sanktionen rechnen.[156] Die bei der VBA damit freiwerdenden Finanzmittel sollen für die Modernisierung der Bewaffnung eingesetzt werden. Zur Modernisierung möchte die VBA insbesondere auch mit US-Militärs zusammenarbeiten; die Einrichtung einer bilateralen Kommission zur militärischen Zusammenarbeit ist in der Diskussion. Nach der Entspannung mit Rußland gilt nicht mehr der Norden und Nordosten des Landes, sondern der Süden und Südosten als potentielle militärische Konfliktzone . Damit genießt der Ausbau der Marine zukünftig höchste Priorität.[157] 

 

Der Militärhaushalt stieg 1994 gegenüber dem Vorjahr um über 20 Prozent auf 52 Mrd. Yuan RMB. Seit dem Beginn der Wirtschaftsreformen war dies die höchste Steigerung. Die Militärausgaben liegen nun bei 9,6 Prozent des gesamten Staatshaushalts. Verglichen mit 23 Prozent in Südkorea und 17 Prozent in den USA scheint dies niedrig. In der VR China kann die Armee jedoch auf zusätzliche Einnahmen, insbesondere aus Wirtschaftstätigkeiten, zurückgreifen.

 

Die VBA hatte seit ihrer Gründung außer militärischen und politischen Aufgaben auch Produktionsaufgaben. In Armeefabriken, Forschungsstätten und Staatsfarmen wurden überwiegend Militärgüter und für die Selbstversorgung produziert. Die VBA soll über etwa 20.000 mehr oder weniger abhängige Betriebe verfügen. Die Produktion wird im Zuge der Reform immer mehr auf Zivilgüter umgestellt.[158] Dabei arbeiten die Unternehmen der VBA mit internationalen Konzernen, und auch Unternehmen aus Taiwan zusammen. Die militärische "Moral" wird dadurch gründlich in Mitleidenschaft gezogen. "Armeemanager" und Offiziere nutzen die Unternehmen zur persönlichen Bereicherung; die VBA soll einen Großteil von solch lukrativen Geschäftsfeldern wie illegaler Waffenschmuggel, Bordelle oder Drogengroßhandel kontrollieren. Die Furcht der Nachbarländer vor der militärischen Stärke der VR China hält sich dadurch trotz der Waffenmodernisierung in Grenzen.

 

Die militärischen Firmen intensivieren insbesondere im dynamischen Süden Chinas. Investitionen fließen aus allen chinesischen Militärregionen, dadurch besteht nicht nur bei militärischen Eliten der prosperierenden Landesteilen ein Interesse an der Fortführung der ökonomischen Reformpolitik. Verteilungskonflikte In Der Armee entstehen jedoch durch die undurchsichtige Verwendung der Gewinne der verschiedenen militärischen Unternehmen. Die Armeekonzerne verschaffen sich gegenüber der zivilen Konkurrenz enorme Vorteile; beispielsweise Steuer- und Abgabenbefreiung oder direkter Zugang zu subventionierten Gütern. Dabei fühlen sich die Militärunternehmer oftmals an keinerlei gesetzlichen Regelungen gebunden. Wiederholt kam es bei illegalen Besetzungen von Bergwerken oder Land zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den rechtmäßigen zivilen Nutzern.

 

Die Gewinne aus diesen militärischen Unternehmen liegen nach unterschiedlichen Quellen zwischen drei und sechs Milliarden US-Dollar im Jahr. Davon soll angeblich nur ein Viertel an den zentralen Militärapparat abgeführt werden. Ein Großteil vereinnahmen die Offiziere zur privaten Bereicherung und nur ein kleiner Teil wird für die Versorgung der Mannschaft verausgabt, die in manchen Einheiten zu zwei Drittel rein ökonomische Versorgungsaufgaben übernimmt. Konflikte mit zivilen Provinzführungen sind dadurch vorprogrammiert. Außerdem werden die Militärkommadanten, Offiziere und auch Soldaten zu einem großen Teil außerhalb ihrer Heimatprovinzen eingesetzt. Daher erscheint derzeit eine militärische und zivile Zusammenarbeit, die eine Loslösung von der Zentralregierung in einzelnen Landesteilen bezweckt, unwahrscheinlich.[159]

 

 

 

 

3.2. Die VR China als "schwache Großmacht

 

Im asiatisch-pazifischen Raum versucht die VR China ihren Einfluß durch vielfältige Initiativen auszubauen. Im Mittelpunkt steht dabei nach eigenen Verlautbarungen die Friedenssicherung durch gegenseitige Zusammenarbeit und Förderung der gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung.

"Die südostasiatischen Länder haben die Region von einem Schlachtfeld in eine Geschäftsarena umgewandelt",

schreibt Prof. Guo vom Exekutivrat des Chinesischen Zentrums für Studien von internationalen Fragen. Für die Region wird die Einrichtung einer subregionalen Sicherheitskooperation angestrebt. Nach der offiziellen Einschätzung  der Lage in der Region ist nach dem mit dem Ende des Kalten Krieges abgeschwächten Indochinakonflikts und der Annäherung durch Wirtschaftsbeziehungen die Situation noch nicht konfliktfrei. Wirtschaftskonflikte, Streitigkeiten über Grenzverläufe und Hoheitsgewässer sowie ethische und religiöse Differenzen, die zuvor durch die Konfrontation zwischen den beiden Machtblöcken überdeckt waren, treten nun offen zu Tage.

"Zusammenfassend kann man sagen, daß alle sicherheitspolitischen Fragen, mit denen die asiatisch-pazifische Region nach dem Kalten Krieg konfrontiert sind, kurzfristig keine Bedrohung für die regionale Sicherheit darstellen; doch auf lange Sicht ist solch eine Bedrohung möglich".[160]

 

In der VR China wird der Vorwurf von neuen Gefahrenpotentialen, die sich aus der dynamischen Landesentwicklung ergeben, in der Tradition kolonialer Weltgeschichte gesehen, in der wiederholt von den bedrohlichen Menschenmassen aus Asien, von der "gelben Gefahr" gewarnt wurde. Nach Ende des Kalten Krieges füllten viele Länder ihren verlorengegangenen strategischen Sicherheitsziele mit neuen Inhalten.

"So kam das Gerede von der ´chinesischen Bedrohung´ zustande",

bemerkt Ge Yang in der Beijing Rundschau. Die Angst westlicher Länder wird weiter dadurch geschürt, das dort die Ökonomien sich in einer Depression verfielen und gleichzeitig die Wirtschaft der Länder des asiatisch-pazifischen Raums aufblühen.

 

Der Vorwurf einer "chinesischen Bedrohung" bezieht sich demnach auf drei Bereiche:

 

1.     China als militärische Bedrohung;

2.     China als wirtschaftliche Bedrohung;

3.     China als kulturelle Bedrohung.

 

Die Verteidigungsausgaben der VR China erhöhten sich nach Ge in den letzten Jahren wie folgt:

 

1991 ca. 6,1 Mrd. US-Dollar;

1992 ca. 6,7 Mrd. US-Dollar;

1993 ca. 7,3 Mrd. US-Dollar.

 

"Zwar ist ein jährlicher Anstieg zu verzeichnen, die Kaufkraft ist wegen der Inflation nicht gestiegen", vermerkt Ge Yang. Angesichts der Dollarbasis der Angaben und der gleichzeitig in der VBA verlaufenden Umstrukturierung ist dies kaum glaubhaft.

 

Gegenüber den Militärausgaben westlicher Staaten sind dies jedoch keine besonders hohe Beträge. Die Militärausgaben  der USA summierten sich 1993 auf 370 Mrd. US-Dollar; die Ausgaben Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und Japans lagen jeweils über 30 Mrd. US-Dollar. Südkorea hatte 1993 ein Militäretat von 11 Mrd. US- Dollar, Indien von 7 Mrd. US-Dollar. Pro Kopf wurden demnach in der VR China 6 US-Dollar im Jahr für Militärzwecke ausgegeben, in den USA 1.100 US-Dollar und in Japan 300 US-Dollar. Damit konnten nur beschränkt moderne Waffentechnologie erworben werden. Ge zitiert das Jahrbuch des Instituts für Friedensforschung in Stockholm, nachdem in den Jahren 1987-1991 in der VR China die Waffenverkäufe sich auf 7,8 Mrd. US-Dollar summierten. Im Vergleich zu den USA (61,3 Mrd. US-Dollar), der Sowjetunion (59,9 Mrd. US-Dollar), Frankreich (11,2) Mrd. US-Dollar) oder Großbritannien (9 Mrd., US-Dollar) sei dies wenig.

 

China setzte sich in über 40 Jahren stets für die Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz ein und war nach Ge niemals Aggressor, sondern nahm nur zum Zwecke der Selbstverteidigung an Kriegen teil. Die VBA wurde 1995 um eine Million Soldaten reduziert. China stellt sich gegen das Wettrüstungen; 1992 unterzeichnete es den Atomwaffensperrvertrag und ist Mitgliedsstaat im Abkommen zum Verbot chemischer Waffen. Die militärische Produktion wird zu einem großen Teil seit Anfang der achtziger Jahre umgewandelt. Die vormalige Militärindustrie stellt jetzt nach dem Produktionswert zu 70 Prozent zivile Güter her.

 

Die Angaben zu der wirtschaftlichen Stärke der VR China seien überzogen. Bis China das Niveau eines Schwellenlandes erreicht, vergehen noch Jahrzehnte.

 

Den westlichen Vorwurf der kulturellen Bedrohung bezieht Ge hauptsächlich auf  das Werk "Zusammenstoß der Zivilisationen" von Samuel Huntington. Danach zerfällt die Welt in acht kulturelle Blöcke. Die westliche Zivilisation wird durch die erstarkende konfuzianistische, aber auch islamische Zivilisation herausgefordert. Westliche Interessen, Wertvorstellungen und Kräfte werden damit zurückgedrängt und verletzt. Gegen den Vorwurf der kulturellen Bedrohung durch China äußert Ge keine Gegenargumente. Dies dürfte jedoch im Einklang mit fast allen Nationalkulturen stehen, die von den eigenen Angehörigen kaum als Bedrohung für den Rest der Welt gesehen werden können.[161]

 

Die ökonomische Modernisierung funktioniert in China nur, wenn das Land nicht nach den Grundsätzen eines unitaristischen Zentralstaats organisiert wird. Die VR China kann sich nur zu einer ökonomischen Weltmacht entwickeln, wenn sie ansonsten auf einen Weltmachtanspruch verzichtet. Regionalisierungstendenzen und zunehmende weltwirtschaftliche Integration wirken als machtpolitische Ausgleichsmechanismen im Prozeß des wirtschaftlichen Bedeutungszuwachses des Landes. Die Rolle der VR China in der Weltpolitik wird jedoch dadurch undurchschaubarer, da eine politische Beeinflussung von außen hauptsächlich über die im Regionalisierungsprozeß schwächer werdende Zentralregierung möglich ist. Das Offenlassen der Taiwanfrage steht dabei im wirtschaftlichen Interesse sowohl Taiwans als auch der VR China. Sowohl die Erklärung der Unabhängigkeit Taiwans vom Festland, als auch eine Wiedervereinigung wurden momentan die Voraussetzungen für den ökonomischen Bedeutungsgewinn beider Staaten zerstören. Herrmann-Pillath hält in diesem paradoxen Spannungsverhältnis China nur als "schwache Weltmacht" realisierter.

 

Die Nachbarstaaten der VR China und insbesondere Taiwan stehen dabei vor einem Dilemma: ein zentralstaatlicher Machtzuwachs in Beijing stärkt tendenziell das Militär und erhöht damit die Gefahr einer militärische Bedrohung. Ein schwacher Zentralstaat dagegen kann die schwieriger werdenden Probleme jedoch kaum lösen. Mit der Eskalation innerchinesischer Konflikte und Probleme würde auch die Zahl der Emigranten aus der VR China gewaltig hochschnellen und die gesamte Region destabilisieren. Unter relativ stabilen Bedingungen und hohem Wirtschaftswachstum liegt die Anzahl illegaler Emigranten aus der VR China nach offiziellen Quellen bei etwa 2 Millionen Menschen seit 1990.[162]

 

 

 

3.3. Der Taiwankonflikt

 

Im April 1993 fanden in Singapur Verhandlungen zwischen der VR China und Taiwan (offizieller Name: "Republik China") statt. Die teilnehmende Straits Exchange Foundation (SEF) aus Taiwan und die Association for Relation Across the Taiwan Street (ARATS) vom chinesischen Festland gelten juristisch als private Organisationen. Sie werden jedoch von den jeweiligen Regierungen finanziert und beauftragt. Folgeverhandlungen fanden im August 1994 in Taipeh statt. Nachdem die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Chinas weit fortgeschritten ist, folgen nun zaghafte halboffizielle Initiativen.

 

Die offiziellen Standpunkte stimmen in der Grundforderung nach Wiedervereinigung überein. Beijing vertritt das Modell "ein Land, zwei Systeme" nach dem Vorbild der Wiedervereinigung mit Hongkong, wobei sich "Systeme" nur auf die Wirtschaftsform bezieht. Die Hongkonger Zeitschrift Hsin Pao berichtet von einer Konferenz militärischer Spitzenführer und Politiker der VR China im August 1994 zur Taiwanfrage. Im Rahmen eines Vier-Stufen-Plans soll durch die Steigerung des Lebensstandards auf dem chinesischen Festland bis zum Jahre 2014 die Voraussetzung für eine friedliche Wiedervereinigung gegeben sein.  Wenn jedoch Taiwan trotz dieser Situation an seiner Unabhängigkeit festhält, werde es für das Festland sinnvoll, die Taiwanfrage mit militärischen Mitteln zu lösen.[163]

 

Aus Taipeh liegt das Programm zur nationalen Vereinigung von 1991 vor. Danach wird die Vereinigung in einem langen Prozeß gemäß den Prinzipien von Demokratie, freier Wirtschaft, sozialer Gerechtigkeit und staatlicher Kontrolle der Streitkräfte angestrebt. Für neue Konflikte zwischen den beiden Chinas führt die besonders seit 1987 zunehmende Demokratisierung Taiwans. Die oppositionelle Demokratische Fortschrittspartei (DPP) tritt für die Unabhängigkeit Taiwans ein. Erstmals in der Geschichte wird auf Taiwan 1996 der Präsident vom Volk gewählt. Die beginnende Demokratisierung bei gleichzeitiger Stärkung der Unabhängigkeitsanhänger erzeugt besonders bei konservativen Kadern auf dem Festland Verunsicherung und heftige Reaktionen.[164]

 

Doch die politischen Auseinandersetzungen werden von einer dynamischen Wirtschaftszusammenarbeit überlagert. Die Einfuhr von Waren aus Taiwan nach der VR China stiegen im ersten Halbjahr 1994 um 20 Prozent auf 6.600 Mio. US-Dollar. Die Einfuhr von Waren aus der VR China nach Taiwan stieg im gleichen Zeitraum um 60 Prozent auf 880. Mio. US-Dollar. Taiwan ist damit noch vor Deutschland zum viertgrößten Handelspartner der VR China geworden, wobei ein Großteil der Wirtschaftsbeziehungen, die über Hongkong laufen, nicht erfaßt ist. Ohne den gewaltigen Handelsüberschuß gegenüber der VR China hätte Taiwan seit einigen Jahren ein Handelsdefizit in seiner Außenwirtschaftsbilanz.[165] Bis Oktober 1993 wurden nach Angaben aus der VR China auf dem chinesischen Festland 15.100 Unternehmen mit taiwanesischen Unternehmen mit einem vertraglich vereinbarten Kapital von 13,6 Milliarden US-Dollar genehmigt.[166]

 

Da bislang sowohl die VR China als auch Taiwan am Alleinvertretungsanspruch für ganz China festhalten, können diplomatische Beziehungen nur zu einem der beiden Staaten aufgenommen werden. Peking unterhält zu 158 Ländern und Taiwan zu 29, zumeist kleineren Staaten, diplomatische Beziehungen. Die VR China ist seit 1971 in der UNO vertreten, zuvor hatte Taiwan, das zu den Gründungsmitgliedern der UNO gehörte, diesen Sitz inne. Der letzte Antrag Taiwans zur Erörterung der "Taiwan Frage" lehnten die Ausschußmitglieder der UNO zuletzt am 21. September 1994 ab.

 

Taiwan versucht seine diplomatische Isolation durch inoffizielle "Privatbesuche" hoher taiwanesischer Politiker teilweise auszugleichen. Die Regierung in Taipeh verfolgt seit etwa 1991 einen mehr an den politischen Realitäten angepaßten Kurs und erkennt die Tatsache von zwei Regierungen im geteilten China an. Regierungsvertreter aus Beijing sehen in Taiwan weiter eine "abtrünnige Provinzregierung", sie bestehen auch weiter auf einen diplomatischen Alleinvertretungsanspruch. Dem Kurswechsel auf Taiwan wird von militärischer Seite mit offenen Drohgebärden begegnet. Im diesen Sinne ist die Modernisierung und der Ausbau der Seestreitkräfte zu sehen. Ein Manöver auf der Insel Dongshan unweit der taiwanesischen Küste im September 1994 kann und sollte wohl auch als Vorübung einer möglichen Invasion angesehen werden.[167]

 

In der VR China soll im Oktober 1993 eine Art militärischer Geheimdienst mit Namen "Arbeitsgruppe 106" gegründet worden sein. Die Arbeitsgruppe mit einem Budget von 280 Millionen Yuan soll Informationen über taiwanesische Persönlichkeiten aus dem Bereich Politik, Militär und insbesondere Wirtschaft sammeln. Die Informationen sollen angeblich dazu benutzt werden, in Taiwan nach ähnlichem Muster wie in Hongkong die stillschweigende und auch offene Unterstützung der Unternehmerschaft für die eigenen politischen Ziele zu bekommen.[168]

 

Auf einer Teegesellschaft anläßlich des chinesischen Neujahrfestes nahm der Generalsekretär des ZK der KP Chinas und Staatspräsident der VR China, Jang Zeming, zur Taiwanfrage Stellung. Jang bezeichnete die Verwirklichung der vollständigen Wiedervereinigung des Vaterlandes und die Förderung der allseitigen Entwicklung der chinesischen Nation als heilige Mission und hohes Ziel aller Chinesen. Die auf Taiwan zunehmenden separatistischen Tendenzen behinderten nicht nur die Wiedervereinigung, sondern bedrohen auch den Frieden, die Stabilität und Entwicklung im asiatisch-pazifischen Raum. Manche fremde Mächte hätten in der Taiwanfrage ihre Hände mit im Spiel und mischten sich damit in Chinas innere Angelegenheiten mit ein. Zur Frage der Wiedervereinigung bot Jang Gespräche an, über deren Form eine für beide Seiten akzeptable Methode gefunden werden solle. Nach Meldungen der Beijing Rundschau bezeichneten taiwanesische Medien die Rede von Jiang als "Beginn einer neuen Ära". Taiwanesische Politiker wollten "Jiangs Rede Aufmerksamkeit schenken und gewissenhaft analysieren".[169]

 

Nach offizieller Darstellung aus Taiwan finden sich in der Rede von Jiang altbekannte Thesen. Kritisiert wird besonders die neuerliche Gewaltandrohung:

"Wir werden niemals zulassen, daß es ´zwei China´ oder ´ein China, ein Taiwan´ geben wird. Wie widersetzen uns entschlossen der ´Unabhängigkeit Taiwans´. Es gibt nur zwei Wege zur Lösung der Taiwan-Frage: einen friedlichen Weg und einen nicht friedlichen Weg."

 

Gegenüber vorhergehenden Grundsatzreden von Politikern aus der VR China zeichnete sich jedoch Jangs Rede nach Einschätzungen aus Taiwan durch einen verhältnismäßig moderaten Ton aus. Bemerkenswert sei auch, das zum ersten Mal ein Staats- und Parteichef des Festlandes die Taiwan-Politik verkünde.

 

Taiwans Unternehmen investierten nach taiwanesischen Quellen in über 25.000 Investitionsprojekte auf dem Festland umgerechnet über 22 Milliarden US-Dollar. Nach den kleinen und mittleren Unternehmen folgt nun die Großindustrie auf den Festlandsmarkt.[170]

 

Die Folgeverhandlungen zwischen Taiwan und der VR China über die Verbesserung der chinesisch-chinesischen Beziehungen im Januar 1995 brachten kaum Fortschritte. Umstritten sind einzelne Formulierungen und Auslegungen der geschlossenen Verträge. Auch wenn bei beide Verhandlungspartner Chinesisch als Landessprache ansehen, ist dies keine ausreichende Grundlage für eine Verständigung. Dies liegt nicht nur daran, das auf dem Festland Kurzeichen der chinesischen Schrift eingeführt wurden und auf Taiwan Langzeichen gelten. Die Sprache entwickelte sich auseinander; für gleiche Dinge werden in beiden Staaten manchmal verschiedene Wörter gebraucht und gleiche Zeichen besitzen oftmals unterschiedliche Bedeutungen.[171]

 

Wie die weitere Entwicklung der Beziehungen zwischen beiden Chinas weitergeht, ist unklar. Ein militärischer Schlag der Volksbefreiungsarmee gegenüber Taiwan ist bei sich weiterentwickelnden Demokratisierungs- und Unabhängigkeitstendenzen auf der Insel dann besonders wahrscheinlich, wenn diese Entwicklungen mit zunehmenden sozialen, ökologischen und politischen Problemen in der VR China zusammenfallen. Im Moment scheint dieses Szenario jedoch sehr unwahrscheinlich. Dies liegt nicht nur an den sich vertiefenden wirtschaftlichen Verflechtungen, sondern auch daran, daß auf dem Festland zunehmend jüngere pragmatische ausgerichtete Fachleute in Führungspositionen kommen. Die Menschen, welche die Teilung Chinas selbst als schmerzlichen Prozeß erlebten, sterben aus. Wahrscheinlicher ist eine gegenseitige Annäherung, wobei die VR China von Taiwan wesentliche Erfahrungen bei seinem Demokratisierungsprozeß im Laufe der ökonomischen Entwicklung übernehmen könnte.[172] 

 

3.4. Intensivierung der diplomatischen Zusammenarbeit und Weltmachtstreben

 

Nach der internationalen Isolierung der VR China nach 1989 intensivierte die VR China zuerst insbesondere seine Beziehungen zu seinen asiatischen Nachbarn. Die rege Reisediplomatie war mit wirtschaftlichen Kontakten eng verbunden. Die VR China nahm mit Indonesien, Singapur und Südkorea diplomatische Beziehungen auf. Mit den großen Nachbarn Rußland und Indien wurde die Kooperation ausgebaut.

 

Mit der sich verstärkenden regionalen Unterstützung baute die VR China seine Stellung in der internationalen Staatengemeinschaft aus. In internationalen Gremien bewegte sich das Land , beispielsweise während des Golfkriegs, auf westliche Positionen zu oder blockierte diese zumindest kaum. Im Falle der Abstimmung über die Resolution des UN-Sicherheitsrats über den Einsatz von internationalen Streitkräften zum Schutz irakischer Kurden enthielten sich die Vertreter der VR China der Stimme. Damit ließ die VR China erstmals die Einmischung der internationalen Staatengemeinschaft in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates zu. Ende 1993 hatte die VR China nach dem Treffen der Präsidenten der Volksrepublik und den USA in Seattle und dem Besuch einer großen Regierungs- und Wirtschaftsdeligation aus Deutschland in China seine Beziehungen zum Westen weitgehend normalisiert. Dabei verbanden sich diese politischen Erfolge mit den wirtschaftlichen Erfolgen. Der riesige chinesische Inlandsmarkt rückte damit wieder verstärkt in das Blickfeld ausländischer Unternehmen.

 

Mit diesen Schritten entwickelte sich die VR China aus Sicht der internationalen Staatengemeinschaft zu einem zunehmend verläßlichen politischen Partner und begehrten Wirtschaftspartner. Dies erlaubte dem Land zunehmend auch auf schwierigen Feldern eigene Positionen und Interessen zu vertreten. Dies zeigte sich unter anderem im Konflikt mit Vietnam um die Paracel- und Spratley-Inseln. In der Frage der Handelsauseinandersetzung mit den USA hinsichtlich des Schutzes geistigen Eigentums trat die VR China ebenfalls offensiv auf und verhängte gegenüber den USA Handelssanktionen. Die Mischung aus Entgegenkommen und Sanktionen dürfte typisch für Chinas neue "partnerschaftlich-konfliktorientierte" Strategie sein.[173]

 

Das zunehmende Selbstbewußtsein der Vertreter der VR China zeigte sich besonders bei den Auseinandersetzungen mit den USA über Produktpiraterie und im Vorfeld der Tagung der UN-Menschenrechtskommission in Genf. Die angedrohten Sanktionen seien "keine große Sache", zahllose andere Handelspartner würden mit Freuden einspringen. Die Vorwürfe der Menschenrechtsverletzungen seien ein "Mischmasch aus Hörensagen und Erfindungen". Die anklagende US-Regierung solle sich besser um die Einhaltung der Menschenrechte im eigenen Land kümmern.[174]

 

 

 

3.5. Stabilitätsprobleme der informellen Machtstrukturen

 

Welche Richtung schlägt die VR China nach dem Ableben des 90jährigen Deng Xiaoping ein, der symbolisch als "Vater der Reformpolitik" für die komplizierte Machbalance in China steht? Nicht nur von westlichen Sinologen werden ausführliche Analysen der komplizierten und verwobenen Loyalitätsgeflechte vorgelegt,[175] sondern auch in der VR China ist die Frage der Kontinuität der Macht eine wesentliche Bestimmungsgrößen für politische Entscheidungen. Dabei werden besonders zwei Erfahrungsbereiche behandelt:

 

      Auseinandersetzungen um politische- und Führungspositionen in der Kulturrevolution und nach dem Tode Maos;

      Das Auseinanderfallen und die Konflikte der früheren Sowjetunion.

 

Die informelle Machtstruktur in China ist dabei nur bedingt mit demjenigen der Sowjetunion vergleichbar. In der Grundrationalität entspringt sie ähnlichen soziokulturellen Eigenheiten, wie in vielen ostasiatischen Nachbarländern, in denen über Jahrzehnte faktisch eine Einparteienherrschaft bestand oder besteht. Unter der neuen politischen und militärischen Führungsschicht wird die Reformpolitik kaum in Frage gestellt.

 

Auch wenn derzeit dadurch ein größerer Konflikt bei einem Führungswechsel unwahrscheinlich ist, können die Konfliktpotentiale zukünftig bei zunehmender sozialer Ungleichheit oder durch ökologische Katastrophen schnell explodieren. Ein Machtwechsel wäre dabei nur ein Auslöser, der den bestehenden gesellschaftlichen Sprengstoff entzünden kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. Modernisierung und Sinnfrage

 

Im Laufe der industriellen Entwicklung war die Moderne bislang ein westliches Produkt, das nach einem westlichen Rationalitätsverständnis organisiert war. Im Bereich der Produktion schlug sich diese Rationalität in einem technischen Rationalisierungskonzept nieder, das tendenziell menschliche Arbeit durch Maschinenarbeit ersetzte. Im Taylorismus galt der arbeitende Mensch weniger als entscheidender kreativer Produktivfaktor; er wurde ebenfalls technisiert. Mit der weltweiten Diskussion des Schlanken Produktionsmodells floß erstmals ein nichtwestliches Vorbild in weite Bereiche der Unternehmensstrategien westlicher Konzerne ein. Das Schlanke Modell basiert in seinen Grundwirkungsmechanismen in den Eingangs skizzierten Organisationsstrukturen daoistisch-konfuzianistischer Gesellschaften. Im Bereich der Wirtschaft ist dort die "unsichtbare Hand des Marktes" untrennbar mit den "sichtbaren Händen der Sozialbeziehungen" verknüpft. Das Modell funktioniert durch eine allgemeinverbindliche Rahmengebung, welche die weitgehende Selbstorganisation der Basiseinheiten innerhalb dieses Rahmens erlaubt.

 

Der Mensch wird in dem Schlanken Modell weniger technisiert und mehr als soziales, kreatives Wesen gesehen. Ähnliche Strukturen prägen die gesellschaftlichen und politischen Bereiche daoistisch-konfuzianistischer Staaten. Entwicklung und Modernisierung sind dort dadurch viel stärker als in den westlichen Ländern in die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, wie Sinnhaftigkeit, eingebunden. Mit den beschriebenen dynamischen ökonomischen und sozialen Veränderungen verlieren jedoch diese integrativen Faktoren ihre verbindende Kraft. Gleichzeitig entstehen gewaltige Folgeprobleme. Am ehesten dürften die Zukunftsprobleme zu meistern sein, wenn die bestehenden hocheffizienten soziokulturellen Systeme der Selbstorganisation bewußt nach den zukünftigen Anforderungen weiterentwickelt werden.

 

 

 

 

4.1. Von der betrieblichen zur gesellschaftlichen Schlanken Produktion:

alle vorhandene menschliche Kreativität nutzen, beschränkte Ressourcen sparen

 

Die Philosophie der Schlanken Produktion bietet durch das Postulat der Vermeidung von Verschwendung durchaus ökologisch sinnvolle Elemente. Bei der Nutzung und dem Gebrauch der produzierten Güter wird dieser Grundsatz jedoch kaum beachtet. Bei der Nutzung zeigt beispielsweise das Produkt Automobil jedoch enorme "Verschwendungen" in ökologischen wie in ökonomischen Bereichen.

 

Ein Sprecher von Shanghai Volkswagen führte als Beispiel für den Erfolg seines Unternehmens eine fünf Kilometer lange, wartende Taxischlange vor dem shanghaier Flughafen an: fast ausschließlich VW-Santana. Nach vorsichtigen Berechnungen waren dies 1.000 Kraftfahrzeuge. Bei einem Listenpreis von 180.000 Yuan und Verkaufspreisen bis zu 220.000 Yuan stehen demnach nur an diesem einen Ort 180.000.000 bis 220.000.000 Yuan totes Kapital unproduktiv auf dem knappen Boden. Die kleineren, japanischen Mietwagen stehen jedoch nicht ungenützt neben ihren größeren, deutschen Konkurrenten. Wendig fahren sie in Shanghai durch die engen Straßen, günstiger im Unterhalt und nur zur Hälfte des Tarifs, der für einen Santana berechnet wird.[176] Viele weitere Beispiele enormer gesellschaftlicher Verschwendung dieser "Auto-zentrierten" Entwicklung lassen sich aufzeigen.[177]

 

Noch prägen eher euphorische Meldungen über die Marktchancen westlicher Konzerne das Bild der aktuellen Chinaberichterstattung. "Deutsche Autofirmen geben in der Region kräftig Gas". Ende des 20. Jahrhundert wird das Auto ein Statussymbol auch für den einfachen chinesischen Arbeiter sein, wird berichtet.[178] Während des Besuchs von Bundeskanzler Kohl im November 1993 bei Shanghai Volkswagen, begründete ein Unternehmenssprecher das hohe Monatsgehalt der Werkarbeiter[179] damit, daß diese bald selbst Autos kaufen sollen. Nach Prognosen des chinesischen Statistikamt führen die bis zur Jahrtausendwende um jährlich 20 Prozent steigenden Einkommen und die durch steigende Produktionsmengen fallenden Preise dazu, daß um das Jahr 2010 jede Familie in der VR China ein Personenkraftwagen erwerben kann.[180]

 

Die Geschäftstätigkeit der Joint Ventures zur Produktion von Personenkraftwagen bewegte sich bisher im geschützten Raum des weitgehend abgeschotteten chinesischen Binnenmarktes. Staatliche Stellen bestimmten bei den chinesischen Automobilproduzenten weitgehend die Zuweisung von Ressourcen, garantierten die Abnahme zu Festpreisen und damit die Höhe der Gewinne. Daher ist bei den untersuchten Produzenten eine Fixierung auf das Tagesgeschäft und auf die quantitative Ausweitung der Produktion festzustellen. Weder ein "unternehmerischer Mut zum Risiko" noch qualitative visionäre Zukunftskonzepte sind in diesem Industriezweig zu finden.

 

Ähnlich wie in Brasilien und Südkorea entstand in der VR China im Laufe der ökonomischen Modernisierung eine enge persönliche Verflechtung und Interessenverflechtung zwischen politischen Funktionären, Wirtschaftsführern und Militärs. Das "Guanxi-System" entwickelte sich dabei von einer eher informellen Form flexibler Zusammenarbeit zu einem Netzwerk zur Vergabe persönlicher Vorteile. Ursache dafür ist die in Folge der von Deng Xiaoping herausgegebenen Parole "werdet reich!" erfolgte Veränderung der Grundlagen des "Guanxi-Systems" von einem erweiterten Familismus zu Nepotismus. Unabhängige Medien oder gesellschaftliche Gruppen, welche die Mißstände kritisieren könnten, fehlen weitgehend. In diesem "Guanxi-System" entwickelte sich eine technologisch moderne Montageindustrie für Personenkraftwagen bei einer von politischen Funktionären und Wirtschaftsmanagern praktizierten gegenseitigen Zuweisung von (persönlichen) Vorteilen. Neue, weiterführende Unternehmenskonzepte sind in dieser Art von "Guanxi-System" störend, da sie die eingespielten Regeln durcheinander brächten. Auch müßten die bisherigen Führungskräfte auf die sich bislang gegenseitig gewährten Privilegien zum Teil verzichten. Die Joint Venture der Montageindustrie für Personenkraftwagen standen nicht nur im Mittelpunkt dieses Systems der gegenseitigen Vorteilsgewährung, sie produzieren auch eines der begehrtesten Privilegien für politische Kader und Wirtschaftsführer. Daher besteht in diesen Unternehmen ein Interesse an der Aufrechterhaltung des nepotistischen "Guanxi-System".

 

Doch nur mit qualitativ neuen Konzepten und einer strategisch offensiven Geschäftspolitik dürften die Herausforderungen der näheren Zukunft zu lösen sein. Die VR China bemüht sich um Aufnahme in das Zoll- und Handelsabkommen GATT/WTO.[181] In Folge muß China seinen Markt für Importe von Kraftfahrzeuge öffnen; schon in den nächsten Jahren dürften internationale Standards Maßstab für den nationalen Märkte für Kraftfahrzeuge sein. Zusätzlich erhöht sich die Produktionskapazität in China, erste umfangreiche Exporte sind für die nächsten Jahre geplant. Doch sowohl Preis als auch Qualität der in China produzierten Kraftfahrzeuge sind international kaum wettbewerbsfähig. Zwar dürfte sich dies mit steigenden Produktionsmengen noch ändern, aber eine internationale Wettbewerbsfähigkeit wird dadurch kurzfristig nicht zu realisieren sein.

 

In den Veröffentlichungen zur Schlanken Produktion und zu neuen Unternehmenskonzepten in der Automobilindustrie wird ein Anteil von bis zu 80 Prozent aller möglichen Kosteneinsparungen, und damit der Wettbewerbsvorteile, im Bereich der Unternehmensorganisation angesetzt. Auch wenn der Anteil niedriger sein sollte, ist bei den chinesischen Automobilproduzenten dieser Bereich das größte Einspar- und Effektivierungspotential. Vor dem Hintergrund des beschriebenen Nepotismus ist eine neue Form der Unternehmensorganisation das wichtigste, aber auch das am schwierigsten umzusetzende Mittel für eine weitere Verbesserung der betrieblichen Effektivität in den Unternehmen der chinesischen Automobilbranche.

 

Für eine Umgestaltung der Unternehmensorganisation müssen auf der Basis der chinesischen Besonderheiten eigene unternehmensspezifische Konzepte entwickelt werden. Durch die kulturelle Nähe zu Japan ist in China trotz aller historischen Belastungen das "Dao des Toyotismus" nicht nur angelegt, vielmehr sind dort seine Wurzeln. "Gruppen für technische Neuerung mit Arbeitern als Hauptkraft und Kadern sowie Technikern als Teilnehmern" bestanden in China schon vor über 20 Jahren.[182] In der Abkehr vom westlichen Taylorismus lag schon damals eine Bevorzugung von Mehrzweckmaschinen und breit gestreuter Qualifikation, welche in für uns teilweise exotisch klingenden Gruppen wie dem "Anti-Tayloristische Kampfteam der östlichen Roten Armee Corps des Arbeiterkongresses der Beijinger Spielwarenindustrie" umgesetzt werden sollten.[183]

 

Diese kulturrevolutionären Experimente scheiterten nicht zuletzt deswegen, da Fachkompetenz und Qualifikation gänzlich in Frage gestellt wurden und hinter diesen Auseinandersetzungen politische Machtkämpfe versteckt waren. Die für viele Chinesen leidvollen Erfahrungen dieser Epoche bedingen Empfindlichkeiten und Vorbehalte gegenüber einer Unternehmensphilosophie, welche den produktiven Arbeiter in das Zentrum des Firmeninteresses rückt, ihn als wertvollstes Produktionsmittel anerkennt.

 

Insbesondere bei chinesischen Managern konnte nur wenig Verständnis für neue "Schlanke" Unternehmensmodelle gefunden werden. Von Interesse waren für sie in erster Linie fertige Detaillösungen, welche oft als Hülle im chinesischen Umfeld inhaltlich nicht funktionieren. Beispielsweise lagen die wirklichen Qualitätsstandards, soweit dies untersucht werden konnte, bei allen Produzenten weit unter den veröffentlichten Standards, einfach dadurch, daß die Beschäftigten gewünschte "gute" Zahlen weitergaben und einen großen Teil der Fehler nicht erfaßten, um keinen Prämienabzug zu bekommen.[184]

 

Doch diese Vorbehalte dürften gegenüber den Möglichkeiten eines modifizierten Konzeptes nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bei einer Aufarbeitung der chinesischen Wirtschaftsgeschichte dürften die alten kulturellen Wurzeln, welche später in Japan die Schlanke Produktion hervorbrachten, die negativen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit mit antitayloristischen Produktionskonzepten überlagern. Die genaue Analyse der chinesischen Geschichte wird bedeutende Elemente aufzeigen, aus denen ein speziell chinesisches "Schlankes Unternehmenskonzept" entwickelt werden kann, wird aber auch Schwierigkeiten und Irrwege verdeutlichen, welche zu vermeiden sind. Aus wissenschaftlicher Sicht liegen dazu derzeit so gut wie keine ausführlichen Feldstudien vor.

 

Grundlage einer speziellen Form der Schlanken Produktion für die VR China ist die in der "Danwei" angelegten Struktur der Sozialorganisation. Für die zwischenbetriebliche Zusammenarbeit liefern die vor dem Hintergrund der realsozialistischen Geschichte in der VR China entstandenen chinesischen Unternehmensnetzwerke die Grundlage für die Branchenzusammenarbeit. Beide Bereiche, Danwei und chinesische Unternehmensnetzwerke, sind jedoch nur dann zukünftig funktional, wenn sich auch in der VR China der Begriff der Modernisierung von rein technischen Inhalten auf Bereiche, die im Zuge der "Aufklärung" entstanden, erweitert. Die zuvor genannten sachlichen Hauptprobleme entstehen zu einem großen Teil durch überkommene, autoritäre Machtstrukturen, die Kreativität tendenziell verhindert.

 

Auf der Branchenebene wäre eine neue Form der Kreislaufproduktion notwendig. Auch für die VR China ist eine Rücknahmepflicht für alte Kraftfahrzeuge absehbar. In Taiwan beispielsweise ist die umweltverträgliche Entsorgung und Aufbereitung von Altfahrzeugen seit 01.01.1995 Pflicht.[185] Bereits in der Konstruktion ist damit die Beachtung von leichter Demontage der Einzelteile und Wiederverwendung sinnvoll. Hunderte von kleineren Automobilfabriken, die mit der Neustrukturierung der chinesischen Automobilindustrie ansonsten geschlossen werden müßten, könnten zu Reparatur und Recycelcenter ausgebaut werden. Doch auch bei den neuen vorgestellten "Volkswagen" bleibt die Frage der Wiederverwertung weitgehend ausgeklammert. In der VR China existieren funktionierende Beispiele für neue Recyclingsysteme. Der japanische Konzern Canon läßt in Dalien gebraucht Tonerpatronen in seine 80 bis 100 Einzelteile zerlegen und teilweise wiederverwenden oder recyclen. Das Recycling von ganzen Kopierern oder Drucker ist geplant.[186]

 

Wie schnell ein Wandel in der Modellpolitik durch äußere Zwänge erforderlich sein kann und wie wenig die Manager der westlichen Automobilkonzerne über ihre traditionellen Ansätze hinausdenken können, was für neue Konzepte die Voraussetzung wäre, zeigten Interviews in der VR China. In den Joint Ventures antworteten die westlichen Manager auf die Frage nach Plänen für ein kleines, verbrauchsarmes Stadtauto mit einem stereotypen: Das wollen die Chinesen nicht. Die wollen einen großen, repräsentativen Wagen, in dem sie sich bequem auf dem Rücksitz chauffieren lassen können". Genauso, wie damals bei einer genaueren Betrachtung äußerer Gegebenheiten der Bedarf nach diesen Wagen absetzbar war, genauso ist der Bedarf an einem weitgehend recycelbaren Fahrzeug absehbar. Für die VR China passende Modelle der Automobilkonzerne fehlen jedoch.

 

Das japanische Schlanke Produktionsmodell entstand nach dem 2. Weltkrieg auch aus einer Knappheit (z.B. Kapitalmangel) und Problemen (u.a. mit der Qualität). In China kann zwar nicht der gleiche Entwicklungsweg wie vormals in Japan eingeschlagen werden, doch die Idee der Schlanken Produktion läßt sich auch dort umsetzen, wenn sie richtig verstanden und den nationalen Besonderheiten angepaßt wird.

 

Einen besonderen Stellenwert in China muß die wissenschaftliche Begleitforschung bekommen. Neben Inputs zu den aktuellen Erkenntnissen über weltweite Produktionsstrategien im Bereich der Automobilindustrie müssen funktionierende wissenschaftliche Feldstudien in China eingeführt werden, um den spezifischen Besonderheiten des Landes Rechnung zu tragen. Durch die derzeitige Struktur der chinesischen Wissenschaft bestehen bisher in der VR China kaum Organisationen, welche dies leisten könnten. "Die Wissenschaftler forschen von Theorie zu Theorie, wir entwickeln unsere Unternehmens- und Produktionskonzepte selbst aus der Praxis" war dazu eine wiederholt zu hörende Aussage chinesischer Manager.[187]

 

Um optimale Unternehmenskonzepte entwickeln zu können, müssen durch die ausländischen Partnerunternehmen neue Strukturen auch im Wissenschaftsbereich mit aufgebaut werden. Beispielsweise funktioniert Gruppenarbeit in der VR China durch die besondere kulturelle und historische Situation in einer speziellen Art und Weise. Dies erfordert neue Konzepte der Arbeitsorganisation, welche noch zu entwickeln sind. Wissenschaftliche Feldstudien in diesem Gebiet sind in der VR China so gut wie unbekannt. Für den Technologietransfer nach China muß ein passender kultureller Schlüssel zum gesellschaftlichen Umgang mit dieser neuen Technologie entwickelt werden.

 

In der VR China verlieren detaillierte zentrale staatliche Vorgaben für die einzelbetriebliche Arbeit an Bedeutung. Damit können die in den Mitarbeitern der Unternehmen schlummernden Kreativitätspotentiale freigesetzt werden. Unter den in China bestehenden soziokulturellen Bedingungen sind damit fast alle Voraussetzungen für eine Schlanke Produktion gegeben. Als Problembereich erweist sich in der Praxis jedoch meist die Einführung von kontinuierlichen Verbesserungsaktivitäten, da Verbesserungen meist einer Kritik entspringen. In der VR China jedoch stört direkte Kritik in der Regel die Harmonie und wird daher nicht geäußert. Dies könnte durch entsprechende Systeme der Personalbewertung und Personalentwicklung geändert und die Kritikbereitschaft dadurch gefördert werden.

 

 

 

4.2. Neue Formen innergesellschaftlicher Konfliktregulierung in China

 

In der VR China entwickeln sich neue Formen innergesellschaftlicher Konfliktregulierung im Spannungsfeld von globalen Entwicklungen und der eigenen Tradition. Die Wirkung der eigenen Tradition in diesem Prozeß blieb jedoch bislang unterbelichtet. Eine Zusammenfassung der Hintergrunde und Strukturen des Selbstverständnisses der aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung in der VR China zum Bereich Kultur liefert Prof. Tang Yijie von dem Beijinger Kulturinstitut:

 

Nach der Befreiung Chinas 1949 wurde die traditionelle chinesische Kultur von den herrschenden Sinokommunisten als feudales Überbleibsel äußerst negativ bewertet, welches gründlich zerstört werden sollte. Ein schematischer Kulturbruch ist jedoch nicht möglich; als Folge dessen gingen wertvolle Inhalte der chinesischen kulturellen Tradition verloren, während negative Teile weiterexistierten. Anschaulich wird dieser Widerspruch an den besonders während der Kulturrevolution propagierten "Antifeudalismuskampangnen", die gleichzeitig mit dem mit der Losung "Vorsitzender Mao ein zehntausendjähriges Leben" veranstalteten feudalen Maokult verliefen.

 

Die durch die Modernisierungspolitik entstandenen neuen gesellschaftlichen Probleme erfordern einen moralischen Umbruch. Gleichzeitig entsteht mit dem Verschwinden der "Westzentrumstheorie" sowohl eine multiplurale Weltsicht, als auch eine Weltkultur. Natürlich muß bei einem nationalen Kulturverständnis auf die eigenen kulturellen Wurzeln Rücksicht genommen werden; ein isoliertes und blindes Festhalten alleine an der Nationalkultur würde jedoch zu einer Ankoppelung von den Entwicklungen der Moderne führen. Abkoppelung von der dynamischen Weltkultur, ein sich selbst Ausgrenzen, führt zu engstirnigen Nationalismus und nationaler Überheblichkeit.

 

Zu diesem globalen Kulturaustausch und Neubewertung der chinesischen kulturellen Tradition fehlt jedoch in der VR China ein theoretisches System. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur verläuft allgemein und direkt, Analyseinstrumente fehlen. Ohne theoretisches Analyseinstrument sind jedoch die negativen Elementen der Nationalkultur nur sehr schwer von positiven Teilen zu unterscheiden. Die Begriffe müssen vor den Anforderungen der Moderne aktualisiert werden.

 

Für eine fortschrittliche Kulturmodernisierung liefert die chinesische traditionelle Kultur wertvolle Ressourcen. In China besitzt beispielsweise die allgemeine Harmonievorstellung traditionell einen hohen Stellenwert. Diese konzentriert sich auf vier Bereiche:

 

 

 

1.     Die in sich ruhende Harmonie der Natur (Ziran jie);

2.     Die Harmonie zwischen Mensch und Natur (Ren yu ziran);

3.     Die Harmonie zwischen Mensch und Mitmensch (Ren yu ren);

4.     Die Harmonie zwischen Körper und Geist (Renzixin neiwen).

 

Im Westen sind dagegen in der Vorstellungswelt Geist und Materie getrennt; die Menschen kämpfen gegen die Natur. Ozonloch oder Atomwaffen sind Produkte dieser Grundeinstellung; die Sicherheit und das Überleben der Natur und Menschheit wird dadurch gefährdet. Zwischen den Menschen herrscht im Westen in einer individualisierten Gesellschaft ein großer Abstand; physische Krankheiten und weitere Probleme sind die Folge. Eine Hinwendung zu allgemeinen Harmonievorstellungen kann diese Probleme der Moderne vermeiden. Deshalb suchen westliche Experten zunehmend Problemlösungen im Osten.

 

Im moralischen Bereich verstärkt sich ein bedrohliches Vakuum. In der modernen Gesellschaft geht der Sinn des Lebens verloren und Verhaltenskriterien verlieren ihre Gültigkeit. In China gilt der Grundsatz: "Wenn Moral und Bildung entwickelt sind, entstehen keine gesellschaftlichen Probleme". Dieser Grundsatz birgt jedoch durch mangelnde Rechtssicherheit die Gefahr menschlicher Diktatur. Neben der moralischen Säule der Kultur ist als zweite Säule die Entwicklung eines Rechtsstaat notwendig. Um die chinesische Kultur weiterzuentwickeln muß dabei vom Westen gelernt werden. Eine Verbindung traditioneller chinesischer, kultureller Elemente mit ausländischen Lehren bringt die Entwicklung der chinesischen Kultur voran; dies zeigte beispielsweise in der chinesischen Geschichte die Übernahme des Buddhismus.[188] 

 

Als Grundproblem der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Weiterentwicklung der eigenen Kultur bleibt das Spannungsfeld mit dem im Universalismus angelegten Harmoniestreben, gegenüber der analytischen Zerlegung der Dinge nach westlichem Wissenschaftsmuster. Beides wird für notwendig befunden. Die Frage lautet weniger, welchen der beiden Bereiche dem Vorzug gegeben werden soll, sondern mehr wie beide Bereiche miteinander verbunden werden können. Damit entspricht das Vorgehen wieder der eigenen kulturellen Basis, dem traditionellen Harmoniestreben.[189]

 

Vor dieser von Prof. Tang skizzierten Suche nach neuen Formen gesellschaftlicher Konfliktregulierung erhält die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Tradition in der VR China zur Zeit eine neue Konjunktur. Der Vorsitzende der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes, Li Ruihan, sagte auf einem internationalen Symposium zur Feier des 2545. Geburtstages von Konfuzius im Oktober 1994 in Beijing, das ein jeder Chinese verpflichtet sei, Konfuzius und seine Philosophie zu studieren. Die konfuzianistische Philosophie als ein Symbol der Weisheit des chinesischen Volkes müsse mit der Modernisierung Chinas verbunden werden. Um mit der Zeit Schritt zu halten, sollen die neuen Ideen die alten Theorien vervollständigen.

 

Vizeminister Li Lanqing forderte auf diesem Symposium eine Förderung der moralischen Erziehung, die ein wichtiges Charakteristikum des Konfuzianismus sei. Während der Veranstaltung wurde eine internationale Gesellschaft für den Konfuzianismus als akademische Organisation und ein internationales Austauschzentrum für den Konfuzianismus gegründet. Der ehemalige singapurische Premierminister, Lee Kuan Yew, wurde als Ehrenvorsitzender der neuen Gesellschaft nominiert. Nach seinen Aussagen handelt die Regierung Singapurs nach den Theorien des Konfuzianismus.[190]

 

In politischen Kreisen verläuft in der VR China seit über einer Dekade eine ähnliche Diskussion, in der

jedoch die sozialistische kulturelle Tradition und kommunistische Wertvorstellung eine besondere Rolle spielen. Die mit den gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die Modernisierungspolitik ausgelöst wurden, entstandenen Probleme sollen mit Musterhelden und Kampagnen gelöst werden:

 

"Man wagt es nicht, tapfer hervorzutreten, die Untaten von Rowdys und Dieben zu unterbinden oder Kinder, die ins Wasser gefallen sind, zu retten......

In einer Zeit, da Mammonismus und ausgeprägter Egoismus der allgemeinen Stimmung in der Gesellschaft schaden, tritt ein neuer Held in Erscheinung, der allein vier mit Messer bewaffnete Rowdys überwältigt hat. Xu Honggang, ein ganz normaler Soldat der VBA, wurde zum Lei Feng der neuen Zeit".[191]

In einer von der Allchinesischen Jugendliga veranstalteten Kampagne sollen sich "junge Freiwillige" selbstlos für die Gesellschaft und Mitmenschen engagieren und damit die Entwicklung der "sozialistischen geistigen Zivilisation" vorantreiben.[192] Zumindest von den meisten städtischen Jugendlichen werden diese Kampagnen kaum ernst genommen und eher als lästige Pflichtübung absolviert.

 

Das geringe Interesse für öffentliche Belange und Probleme basiert auf dem chinesischen Familismus, in der bestehenden Extreme wurde es jedoch gerade durch politische Kritikkampagnen insbesondere während der Kulturrevolution erzeugt. Jede Äußerung oder Tat mußte politisch verantwortet werden; eine abstrakte Verantwortlichkeit zerstörte in der institutionalisierten Selbstkritik mit dem "Gesicht" die Persönlichkeit. Ein weiterer Rückzug in das Familiäre war die Folge. Neue Musterhelden und Kampagnen dürften ein Zugeständnis an die kleiner werdende Gruppe der konservativen Parteisenjoren sein. Die aktuelle bestimmende politische Wertung der mit dem Kulturbereich zusammenhängenden Fragen in der VR China erscheint vielschichtiger und hinter verbleibender sozialistischer Rhetorik ist eine langsame Hinwendung in Richtung allgemeiner wissenschaftlicher Kriterien zu erkennen.

 

Am 19.07.1994 erschien in der Volkszeitung ein Leitartikel mit dem Titel "Dem Volke die beste geistige Nahrung präsentieren". In ihm wird kritisiert, das die Kultur in China zunehmend von reinen Gewinninteressen bestimmt wird und das gesellschaftliche Belange dabei immer mehr in den Hintergrund treten. Gegen diese Tendenzen müssen Parteiorganisationen und Regierungsstellen aller Ebenen entschlossen angehen. Im Zuge der Reform, Öffnung und Modernisierung muß das gesellschaftliche Denken verstärkt befreit werden. Diese geistige Befreiung muß jedoch im Einklang mit den "vier Grundprinzipien" und den ethischen Regeln einer sozialistischen Gesellschaft stehen. Als Grundlage des geistigen Schaffens werden die idielle und moralische sozialistischen Werte propagiert. Die Volkskultur ist dabei besonders förderungswürdig. Durch eine Intensivierung und Verbesserung der Erziehung, insbesondere in der Theorie des Sozialismus chinesischer Prägung, sollen die kulturellen Probleme in China gelöst werden.[193] 

 

Am 22.07. folgte in der Volkszeitung eine zusammengefaßte Rede des neuen chinesischen Kulturministers Liu Zhongde, die er auf einer Konferenz zum Thema Theoriearbeit im Kulturwesen hielt. Liu forderte eine Befreiung des Denkens von alten Strukturen, damit die Entwicklung des Kulturbereichs mit den rasenden Veränderungen in China, die durch die Wirtschaftsentwicklung und Öffnungspolitik verursacht sind, in Einklang gebracht werden kann. Einziges Bewertungskriterium für den Erfolg der Reformen im Kulturbereich ist nach Liu die Praxis. Sie zeigt sich bei einer Weiterentwicklung der Kreativität der Kulturschaffenden, dem Aufschwung der sozialistischen Kultur, dem Dienst an der Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Menschen sowie an der Förderung der Wirtschaftsentwicklung und des gesamten gesellschaftlichen Fortschritts. Der chinesische Kulturminister setzte sich in der Rede anschließend ausführlich über die objektiven Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Kulturproduktion auseinander. Im Mittelpunkt stand dabei der Doppelcharakter kultureller Produkte als am Markt nachgefragte Ware und zugleich als Nichtware, als einen Marktwert wiedergebendes Produkt und als einen Gebrauchswert widerspiegelndes Erzeugnis. Bei der Lenkung, Förderung und Bewertung kultureller Leistungen müssen beide Charaktere berücksichtigt werden. Unter den derzeitigen Bedingungen in China bestehen nach Liu gute Aussichten, beide Bereiche in Einklang zu bringen.[194] 

 

Gegenüber seinem traditionell-konserativen Vorgänger, He Jingzhi, ist bei Liu Zhongde eine deutliche Neuorientierung zu erkennen. Kultur ist in dieser Konstruktion weniger politisch und mehr gesellschaftlich bedingt. Selbst die zuvor obligatorische Bindung an die "Vier Grundprinzipien" findet sich nicht in seiner Rede. Gegenüber dem nach der Niederschlagung der Studentenproteste im Sommer 1989 abgelösten, liberalen Kulturminister Wang Meng besteht eine deutliche Hinwendung zu traditionellen chinesischen Wertsystemen und eine größere Distanz zur weitgehenden puren Übernahme westlicher Konzepte.

 

Damit setzt sich im offiziellen Verständnis für die Weiterentwicklung der chinesischen Kultur der Grundsatz "chinesisches als Grundlage, ausländisches zum passenden Gebrauch" wieder durch.[195] Chinesische Kultur ist jedoch in dieser laufenden Diskussion nicht genau definiert und gewertet. Die chinesischen Sozialwissenschaften konnten bislang durch ihre Gebundenheit an staatliche und ideologische Vorgaben kaum theoretische Systeme zur genauen Definition und Bewertung kultureller Teilelementen herausarbeiten. Damit entwickelte sich die offizielle Auseinandersetzung um den Kulturbereich, der die Basis für spezielle Konfliktregelungsinstrumente liefert, zu einem beliebigen Instrument zur politischen Machtsicherung.

 

 

 

4.3. Modernisierung, Menschenrechte und kulturelle Identität

 

Die VR China nimmt durch ihre verstärkte Weltmarktintegration und Mitwirkung an multinationalen Organisationen zunehmend am Prozeß des "globalen Lernens" teil. Für die Weiterentwicklung der Menschenrechte ist dabei die Entwicklung einer funktionierenden, unabhängigen Justiz und eines verläßlichen Rechtssystem wesentlich. Dies ist, wie bereits für das Arbeitsrecht gezeigt, ein langer und widersprüchlicher Prozeß. Weiter ist für einen Demokratisierungsprozeß die Etablierung staatlich unabhängiger Gruppen, Vereinigungen und Einrichtungen erforderlich.[196]

 

Der dynamische ökonomische Wandel in China bewirkt einen umwälzenden sozialen Wandel, eine Veränderung der Grundwerte, Privatisierung und Individalisierung. Dieser soziale-politische Wandel von unten ist im technokratischen Konzept der "Vier Modernisierungen" nicht vorgesehen. Vertreter des  "Neoautokratismus" sind der Ansicht, das die Modernisierung Chinas nur mit einer weisen Führungspersönlichkeit und einem starken Staat möglich sei. Die drei anderen Chinas -Taiwan, Singapur und Hongkong- seien Beispiele dafür.[197] Auch in den zuvor autoritär geführten südostasiatischen Ländern sind deutliche Entwicklungen in Richtung Zivilgesellschaft zu erkennen.

 

Eine Zivilgesellschaft in der VR China würde sich jedoch sicherlich von westlichen Vorbildern unterscheiden. Die Individualität dürfte mehr auf die Gemeinschaft ausgerichtet und Selbstverwaltung eher Gruppenbezogen sein. Das Menschenrechtsverständnis in China beinhaltet auch mehr soziale Rechte, wie das Recht auf Arbeit, als in westlichen Ländern. Bei der in China gegebenen Bevölkerungsdichte und der herrschenden Knappheit ist es auch sinnvoll, die Individualrechte an den Interessen der Gemeinschaft auszurichten. Doch ist auch in der VR China mit der ökonomischen Modernisierung eine zunehmende Individualisierung zu beobachten. Im Prozeß dieser Individualisierung gewinnen auch individuelle Menschenrechte an Stellenwert. In der Rationalitätsstruktur daoistisch-konfuzianistischer Staaten ist dies nicht unbedingt ein Widerspruch. In dieser Logik lautet die Frage nicht entweder kollektive oder individuelle Menschenrechte. Das Interesse ist -sowohl/als auch- auf die sinnvolle Verbindung beider Bereiche gerichtet.

 

 

5. Weltinnenpolitik als Grundlage für die Selbstorganisation der Lebenswelt

 

In der Welt des nächsten Jahrhunderts müssen etwa doppelt so viele Menschen bei zunehmenden Umweltproblemen ihre Lebenschancen gestalten. Angestrebte Konsum- und Lebensmuster, aber auch die Folgeprobleme des Wirtschaftens globalisieren sich dabei zunehmend. Die Antwort auf das damit weiter Auseinanderfallenden individuellen Interessen und dem global machbaren erfordert eine umfassendere und wirkungsvollere Koordinierung einzelstaatlicher Interessen. Die positive gesellschaftliche Wirkung globaler Koordination dürfte jedoch nur gegeben sein, wenn der durchschnittliche Mensch die Nützlichkeit dieser globalen, transnationalen Vorgaben begreift und akzeptiert.[198]

 

Die Frage ist daher nicht ob eine verstärkte internationale Zusammenarbeit und Abstimmung notwendig ist, sondern mehr wie diese funktionieren soll. In der Wirtschafts- und Sozialorganisation Chinas und der ostasiatischen Schwellenländer findet sich dafür ein strukturelles Muster. Zentale staatliche Stellen versuchen dort die verschiedenen gesellschaftlichen Einzelinteressen zu verbindlichen Vorgaben zu bündeln. Diese Vorgaben sind jedoch meist nicht detailliert, sondern beschreiben einen Rahmen. Für die Umsetzung der Vorgaben sind die Basiseinheiten, die Danweis oder Betriebe verantwortlich. Dabei besteht eine weitgehende Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Zur Funktionsweise dieser Wirtschaftsmodell liegen bislang noch keine systematischen Theoriemodelle vor. Klar zu erkenne ist jedoch die Tatsache, das die Ordnungs- und Wirtschaftspolitik nicht nach den geläufigen westlichen Theorien funktioniert.[199]

 

"Wir sind sicher, daß wir durch unsere Wirtschaftszusammenarbeit mit der VR China nicht nur zur ökonomischen Entwicklung beitragen, sondern dadurch auch eine wesentliche Voraussetzung für den Frieden in der Welt schaffen".

Der Vorstandsvorsitzende der Daimler Benz AG, Edzard Reuter, äußerte diese Einschätzung der Auswirkungen des Engagements deutscher Großkonzerne im November 1993 während einer Werksbesichtigung bei Shanghai Volkswagen.[200] Aussagen weiterer Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft und seiner Verbandssprecher vermitteln den Eindruck, daß die wahren Internationalisten und Kämpfer für den Weltfrieden in den Vorstandsetagen multinationaler Konzerne sitzen.

 

Bis vor wenigen Jahren prägte ein eher entgegengesetztes Bild von der Stellung multinationaler Konzerne die Öffentlichkeit. International agierende Unternehmen nahm die einheimische Bevölkerung in erster Linie als bedrohend wahr; ihnen wurde ein übermäßig negativer Einfluß auf nationale Interessen unterstellt. Die Unterstützung der rechten Militärdiktatur in Chile oder der Nestle-Babymilchskandal lieferten von multinationalen Konzernen ein Bild der Machtbessenheit, Verantwortungslosigkeit und Profitinteresse als einziges, mit allen Mitteln zu realisierendes, Unternehmensziel.[201]

 

Die äußerst komplizierte Frage nach der realen Macht multinationaler Konzerne läßt sich empirisch kaum untersuchen. Fest steht jedoch, daß seit den 50er Jahren der Anstieg ausländische Direktinvestitionen weit über der Ausweitung des internationalen Handels lagen.[202] An die Stelle des traditionellen Kapitalisten trat eine moderne Konzernbürokratie, die mit geschwächten Gewerkschaften zunehmend in strategischen Bündnissen zusammenarbeitet, statt sich klassenkämpferisch zu bekämpfen. Der US-amerikanische Ökonom und Wirtschaftshistoriker John Kenneth Galbraith sieht nach dem Verschwinden der traditionellen Klassenstrukturen eine neue Klassenstruktur: Auf der einen Seite die Gesamtheit der Begüterten, die an Stelle der vormaligen Kapitalisten treten, und auf der anderen Seite eine große Zahl weniger wohlhabender oder armer Menschen, die all die Arbeit verrichten müssen, die das Leben, hauptsächlich für die Begüterten, angenehm oder zumindest erträglich macht. Diese Arbeit bezeichnet er als Arbeit für die Befriedigungskultur.[203] Diese Form einer neuen Klassenstruktur zeichnet sich mit zunehmender Geschwindigkeit auch im internationalen Kontext ab. Dadurch besteht die Gefahr einer "Anpassung" der Arbeitsbedingungen auf dem weltweit niedrigsten Niveau.[204] Große Unternehmen und das Finanzkapital findet mehr und mehr dem gesamten Globus als Spielwiese für ihre Verwertungsinteressen vor. Die staatliche Wirtschaftspolitik und die Rechte und Möglichkeiten der Arbeitnehmer bleiben jedoch weitgehend auf den nationalen Rahmen beschränkt.[205]

 

Die Probleme der multinationalen Konzerne der Automobilindustrie sollen nach deren Vorstellungen in China gelöst werden. Dies funktioniert jedoch nur kurzfristig; für eine mittelfristig tragfähige Modernisierung sind völlig neue Konzepte erforderlich. Diese Problemlösungen müssen in Form einer unabhängigen Beratung, die sich an den besonderen chinesischen Bedingungen orientiert und in Dialogform einen Wissensaustausch ermöglicht, erarbeitet werden. Voraussetzung für eine tragfähige betriebliche Form der Schlanken Produktion ist die Institutionalisierung des dauerhaften Organisationslernens auf betrieblicher Ebene. Voraussetzung für eine "Schlanke Weltgesellschaft" ist die Institutionalisierung des dauerhaften Organisationslernens auf gesellschaftlicher Ebene.

 

Übersicht: Wandel in der Weiterbildung

 

Weiterbildungsmerkmal

Traditionelle Massenproduktion

Schlanke Produktion

Organisation

ausdifferenziert

reintegriert

Orientierung

Funktion

Prozeß

Akteur

Spezialist

Operateur/ Team

Steuerung

fremdorganisiert

selbstorganisiert

Inhalt

Sachkompetenz

Sozial-/ Organisationskomp.

Modus der Definition

angebotsorientiert/ monologisch

nachfrageorientiert/ dialogisch

Zuschnitt

partiell

systemisch

Information

selektiv

umfassend

Frequenz

diskontinuierlich

kontinuierlich

Adressaten

exklusiv

inklusiv

Positionierung

Management

Belegschaft

Ressourcen

niedrig

hoch

Fokus

Individuum

Organisation/ Gruppe

Grundcharakter

Individuallernen

Organisationslernen

 

Quelle: Hajo Weber, Vom Individual- zum Organisationslernen, in: Blick durch die Wirtschaft 08.03.1994.

 

 

Eine östlich-ganzheitliche Weltsicht verbunden mit westlich-innovativen geistigen Freiheitspotentialen kann zu einer Versöhnung zwischen marktwirtschaftlich-ökonomischen Gewinninteresse, Vollbeschäftigungspostulat und dauerhafter ökologischer Entwicklung führen. Dies ist nur im globalen Kontext zu realisieren, wozu die Kompetenzen internationaler Kontrollorgane ausgeweitet werden müßten. Den Gegenpol zu diesen globalen Einheiten in einem dauerhaften ökologischen Modernisierungskonzepts bilden kleine, dezentrale Einheiten, die sich in der VR China aus der "Danwei"-Sozialorganisation entwickeln und nach einem modifizierten Konzept der Schlanken Produktion arbeiten können.

 

Willy Bieter vom Wuppertal Institut für Umwelt Klima und Energie fast die Wirkungsweise dieser Schlanken Organisation als das "magische Dreieck", in dem die Bereiche Human Resources, Technologie und Organisation ausbalanciert werden. Die Organisation zeichnet sich aus durch:

 

      Flache Hierarchie;

      Dezentrale Verantwortung;

      Autonome Arbeitsgruppen.

 

 

 

Dies sind die Ausgangsbedingungen für die Integration von Umweltaspekten in die Unternehmenspolitik. In diesem erweiterten "sauberen" Unternehmensmodell laufen die Interaktionen in einem "magischen Quadrat":

 

 

 

Eine dauerhafte und ökologische Wirtschaftsweise kann von einem Einzelunternehmen nur bei einer Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen in einem "regionalen Innovationsnetzwerk" realisiert werden.[206]

 

 

Quelle: INEM Bulletin, Autumn 1993, S. 18f.

 

 

Die Wirtschaft im westlichen Verständnis entwickelte sich aus der Hauswirtschaft und ist damit auf das individuelle Wirtschaften ausgerichtet. Jingji, der chinesische Begriff für Wirtschaft, bedeutet in der inhaltlichen Übersetzung "die Welt ordnen und dem Volk beistehen". Von der inhaltlichen Bedeutung ist dieser Begriff von unserem Begriff völlig verschieden. Der Ausgangspunkt ökonomischer Tätigkeit sind keine individuellen, sondern überwiegend kollektive Handlungen. Eine gerechte Verteilung im Rahmen einer akzeptierten sozialen Rangstellung besitzt in der Regel einen höheren Stellenwert, als die Produktion. Der Staat besitzt im Interesse der gesellschaftlichen Harmonie dabei eine besondere Steuerungsfunktion.[207]

 


Anhang:

 

Schaubild: Bevölkerungsprognosen für verschiedene asiatischer Länder

 


Bibliographie

 

von kiefer@localglobal.de

 

 

 

 

IFSH-LOGO

IFSH
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

Falkenstein 1, D-22587 Hamburg, Tel: +49 40 / 866 0770, Fax: +49 40 / 866 3615
e-mail: ifsh@rrz.uni-hamburg.de

 

Hamburger Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik
Heft 90, Hamburg, Mai 1995

 

 


Modernisierung in der VR China: Neue Konfliktpotentiale und immanente sowie globale Regelungsmechanismen

 

Inhaltsübersicht

 

1. Der chinesische Weg der Transformation.................................................................................................................. 5

Schaubild: Chinesische Kultur - das verbindende Element.......................................................................... 8

Schaubild: Bestimmungsfaktoren des Modernisierungskonzepts der VR China...................................... 9

1.1. Der spezifische Umgang mit Wissenschaft in der VR China................................................................................ 9

Schaubild: Denkweise in Ostasien und in Europa......................................................................................... 15

1.2. Überstaatlicher Regionalismus: Greater China........................................................................................................ 19

Tabelle: Alternative Berechnungen des Bruttosozialprodukts pro Kopf in der VR China (in US$)....... 23

1.3. Produktion und Gesellschaft: informelle Netzwerkorganisation........................................................................... 26

1.4. Von der "Danwei"-Sozialorganisation zum wurzellosen Wanderarbeiter?......................................................... 34

2. Die ökonomische Modernisierungspolitik in der VR China..................................................................................... 38

2.1. Betriebliche Rationalität und Vollbeschäftigung.................................................................................................... 44

2.2. Steigende Einwohnerzahl, höherer Konsum, schwinde Bodenfläche................................................................. 79

2.3. Ressocenverschlingendes Modernisierungsmodell, Ökologie und das Weltklima.......................................... 88

Modellrechnung zur Halbierung des globalen CO2-Ausstoß..................................................................... 93

Schaubild: Endenergieverbrauch nach Sektoren, Anteile 1989................................................................... 97

Effekte der Ökosteuer......................................................................................................................................... 104

Schaubild: Die 21 größten energiebedingten Emittenten der Welt............................................................. 107

in t CO2 pro Kopf und Jahr (1989).................................................................................................................... 107

Schaubild: Die 21 größten energiebedingten Emittenten der Welt - in Mio. t CO2 (1989)....................... 108

2.4. Chinas "Agenta 21".................................................................................................................................................... 114

3. Die Rolle der Volksbefreiungsarmee im Modernisierungsprozeß........................................................................... 120

3.1. Die Volksbefreiungsarmee als gewinnorientierter Unternehmer.......................................................................... 121

3.2. Die VR China als "schwache Großmacht................................................................................................................. 125

3.3. Der Taiwankonflikt...................................................................................................................................................... 130

3.4. Intensivierung der diplomatischen Zusammenarbeit und Weltmachtstreben................................................... 137

3.5. Stabilitätsprobleme der informellen Machtstrukturen............................................................................................ 139

4. Modernisierung und Sinnfrage.................................................................................................................................... 141

4.1. Von der betrieblichen zur gesellschaftlichen Schlanken Produktion:.................................................................. 142

alle vorhandene menschliche Kreativität nutzen, beschränkte Ressourcen sparen................................................ 142

4.2. Neue Formen innergesellschaftlicher Konfliktregulierung in China.................................................................... 152

4.3. Modernisierung, Menschenrechte und kulturelle Identität.................................................................................. 161

5. Weltinnenpolitik als Grundlage für die Selbstorganisation der Lebenswelt......................................................... 163

Übersicht: Wandel in der Weiterbildung........................................................................................................ 167

Anhang:............................................................................................................................................................................... 173

Schaubild: Bevölkerungsprognosen für verschiedene asiatischer Länder................................................ 173

Bibliographie........................................................................................................................................................ 174

 



[1]UNDP (Hg.), Human Development Report, in: Nord-Süd aktuell, 2. Quartal 1994.

[2]Hans-Joachim Gießmann, "Globale Sicherheit". Chance oder Trugbild? Herausforderungen und Ansätze, Hamburg 1993 (Hamburger Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Heft 78, August 1993); insbesondere S. 79f.

[3]Volker Stanzel, Der Umbruch des Sozialismus in China, in: Aussenpolitik 4/1994, S. 372f.

[4]Der dabei der vorliegenden Studie zugrundelegende Kommunikationsbegriff orientiert sich an: Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Band 1, Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung; Band 2, Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt am Main 1981.

[5]Eine ausführliche Kritik des Chinabilds in westlichen Theorien liefert: Thomas Heberer, Traditionale Kultur und Modernisierung. Versuch einer Analyse am Beispiel China, in: Politische Vierteljahreszeitschrift, 2/1990, S.215ff sowie Oskar Negt, Modernisierung im Zeichen des Drachens. China und der europäische Mythos der Moderne, Frankfurt am Main 1988, S. 173ff.

[6]Für den ostasiatischen Raum beschreiben dies: Ulrich Menzel, Dieter Senghaas, Europas Entwicklung und die Dritte Welt. Eine Bestandsaufnahme, Frankfurt am Main 1986.

[7]J. J. M. de Groot, Universismus, Berlin 1918.

[8]Zusammengefaßt aus: Renminribao (Volkszeitung) 23.03.1994, abgedruckt in Xinhua Wenzhai 5/1994, S. 30f.

[9]Oskar Weggel, China aktuell, April 1992, S. 245.

[10]Beate Kohler-Koch (Hg.), Technik und internationale Politik, Baden-Baden 1986; Robert Jungk, Ethik und technische Berufe, in: Technologie und Politik Nr. 1, Februar 1975, S. 97-99.

[11]Bernward Joerges, Technische Normen - Soziale Normen, in: Soziale Welt 12/1989, S. 242-258; eine Stellungnahme zur Technikkritik aus Sicht der Unternehmer: Bundesverband der Deutschen Industrie/ Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (Hg.), Technischer Fortschritt und Technik-Kritik, Köln 1984.

[12]Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1968 (Erstdruck 1947).

[13]Einen umfassenden Einblick in das eigenständige chinesische Schriftsystem und seine Verwobenheit mit den sozialen, kulturellen, historischen und natürlichen Gegebenheiten in China liefert: Cecilia Lindqvist, Eine Welt aus Zeichen - über die Chinesen und ihre Schrift, München 1990. Der französische Sinologe Granet setzte generell die Übersetzbarkeit chinesischer Zeichen in Frage; siehe: Marcel Granet, Das chinesische Denken, Frankfurt am Main 1985.

[14]Ausführlich bei: Michael Lackner, War Zhu Xi (1130 1200) ein Hegel avant la lettre? Verständigungsprobleme zwischen China und dem Westen in der Gegenwart, in: Internationales Asienforum, Vol. 21, 1 2/1990, S. 39-53; Chah Hansen, Chinese Ideographs and Western Ideas, S. 372-399.

[15]Jin Xiufang, Kontakte, Konflikte und Kompromisse. Interkulturelle Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen in einem Joint-Venture, Saarbrücken 1994. S. 97ff.

[16]Lily Abegg, Ostasien denkt anders. Eine Analyse des westlich-östlichen Gegensatzes, München 1970.

[17]Im gegenwärtigen Modernisierungsprozeß der VR China wirken, nachdem die verschiedenen historischen Schulen jahrzehntelang offiziell bekämpft worden sind, weniger die verschiedenen theoretischen Konstrukte dieser Philosophie, sondern mehr die modifizierten alltäglichen Auswirkungen, die als Universismus zusammengefaßt sind. Für diesen "alltäglichen Universismus", ein nach einheitlichen Kriterien definiertes Weltbild, steht der Begriff "daoistisch-konfuzianistisch".

[18]Qiu Chengzhou, China: Wissen ist Macht. Bildungsprogramme für ein Volk mit mehr als 800 Millionen Bauern, in: Das Parlament 16. August 1991.

[19]Siehe dazu: Tilman Spengler, Die Entdeckung der chinesischen Wissenschafts- und Technikgeschichte, in: Joseph Needham, Wissenschaftlicher Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft, Frankfurt am Main 1977, S. 7-52; aus offizieller Sicht der VR China in: Verlag für fremdsprachige Literatur (Hg)., China Buchreihe. Bildung und Wissenschaft, Beijing 1985, S.120ff.

[20]Ein grundlegender Überblick liefert: Joseph Needham, a.a.O.; Zhou Huanguang, Eine Rezension von Joseph Needham´s "Geschichte des wissenschaftlichen Denkens", in: Zhexue Yanjiu 5/1994, S. 51-57 (in chinesisch). Needhams Analysen zur chinesischen Wissenschaftsgeschichte sind sowohl in der VR China als auch Taiwan verbreitet. Der Stellenwert von Needhams Untersuchungen für China zeigt sich darin, das er zu den ersten ausländischen Wissenschaftlern gehörte, die im Juni 1994 in die Chinesische Akademie der Wissenschaften gewählt wurden. Die Aufnahme von gleich 14 ausländischen Wissenschaftlern (davon 10 chinesischer Herkunft) soll den Prozeß der Internationalisierung der chinesischen Wissenschaft beschleunigen. Siehe: Zhou Hanguang, a.a.O., S. 51-57.

[21]Ausführlich vor einem kulturhistorischen Hintergrund sind die Inhalte und Probleme bei dieser Neuorientierung beschrieben bei: Oskar Weggel, Wo steht China heute? Die Rückkehr der Tradition und die Zukunft des Reformwerks: Werkzeuge der Macht. Teil VIII, Nr. 3: Erziehung und Lernen, in: China aktuell, Mai 1993, S. 459-491; die aktuelle Neuorientierung beschreibt: Peter Seidlitz, Volksrepublik China. Gespräch mit Wissenschafts-Staatsrat Song Jian. Peking will Japan und Südkorea in der Forschung demnächst den Rang ablaufen, in: Handelsblatt 04.01.1994.

[22]Die aktuelle wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland ist beschrieben von: Thomas Kiefer, Die direkten Kontakte mit China sollen insbesonders in der Industrieforschung verstärkt werden, in: Blick durch die Wirtschaft 15.06.1994; Thomas Kiefer, Auch mittelständische Unternehmen können die Möglichkeiten der Forschungskooperation mit China nutzen, in: Blick durch die Wirtschaft 22.06.1994.

[23]Diesen Eindruck vermittelte mir u.a. eine Exkursionsfahrt in Begleitung von Bundesforschungsminister Paul Krüger zu verschiedenen Forschungseinrichtungen in Guangzhou am 19.11.1993.

[24]Angaben nach: Carsten Herrmann-Pillath, Kulturell geprägte Wirtschaftsdynamik und politischer Wandel in China, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 51, 17.12.1993, S. 3; siehe auch: Carsten Herrmann-Pillath, Wirtschaftsintegration in China. Ökonomische, politische und gesellschaftliche Perspektiven der Beziehungen zwischen Taiwan und der Volksrepublik China, Bonn 1994.

[25]Chinese Synergy. China, Taiwan and Hongkong Move Ever Closer Together, in: Asiaweek, 12.05.1993; Investoren aus Fernost lassen sich von "Großchina" faszinieren, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.02.1994; siehe auch Themenschwerpunkt "Greater China" in: The China Quarterly, December 1993, S. 653-948.

[26]Carsten Herrmann-Pillath, Kulturell geprägte Wirtschaftsdynamik... a.a.O., S. 3.

[27]Engels, Benno (Hg.): Perspektiven einer neuen internationalen Handelspolitik, Hamburg 1993, S. 9ff.

[28]Far Eastern Economic Review 03.06.1993; Süddeutsche Zeitung 04.06.1993.

[29]Asiaweek 09.06.1993; iwd-Mitteilungen, Nr. 23, 10.06.1993, S. 6f.

[30]Zahlen nach: China aktuell, Oktober 1994.

[31]Herrmann-Pillath, Carsten: Wachstum und Weltmarktanspruch in China,. In: Aussenpolitik 4/1994, S. 374-382.

[32]Rüdiger Machetzki, ASEAN und die "chinesische" Unternehmung oder: Was ist Rationalität, in: Südostasien aktuell, März 1993, S. 138.

[33]Carsten Herrmann-Pillath, Kulturell geprägte Wirtschaftsdynamik... a.a.O., S. 6; insbesondere Fußnote 18.

[34]S. Gorden Redding: The Spirit of Chinese Capitalism, Berlin/ New York 1993, S. 3.

[35]Andrew Watson, The Management of the rural economy: The institutional parameters, in: Andrew Watson (Hg.), Economic Reform and Social Change in China, London/ New York 1992, S. 171-199; siehe auch: "Die Sippenmacht auf dem Lande ist nicht mehr zu übersehen" (in chinesisch), Xinhua Wenzhai 1/1994, S. 165-167.

[36]Lt. Gespräche mit Mitarbeitern verschiedener chinesischer Automobil- und Automobilzulieferunternehmen im Frühjahr 1992.

[37]Siehe "New China Hong Kong Limited", in: Far Eastern Economic Review 27.05.1993.

[38]Beispielsweise in den Artikel über die China International Trust & Investment Corporation: "CITIC. Peking´s Money Mandarins, in: Far Eastern Economic Review 21.01.1993.

[39]Ausführlich bei: Lowel Dittmer, Patterns of Leadership in Reform China, in: Arthur Lewis Rosenbaum (Hg.), State and Society in China. The Consequences of Reform, Boulder u.a. 1992, S. 31-54; Lucian Pye, The Mandarin and the Cadre: China´s Political Cultures, Ann Arbor 1988.

[40]Oskar Weggel, Alltag in China, Folge 1, Oktober 1993 und Folge 2, Dezember 1993, erschienen in China aktuell; Oskar Weggel, China zwischen Marx und Konfuzius, 2. Auflage München 1987, S. 67ff.

[41]Für den Hinweis auf die xiongdi danwei bedanke ich mich bei Frau Dr. Ying Li-Rommel.

[42]Ein Überblick liefert: Horst Albach, Strategische Allianzen, strategische Gruppen und strategische Familien, Berlin 1992 (discussion paper FS IV 92-1 des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung).

[43]OECD (Hg.), Technology and the Economy. The Key Relationships, Paris 1992, S. 77ff.

[44]Carsten Herrmann-Pillath, Kulturell geprägte Wirtschaftsdynamik... a.a.O., S. 6f. Die Wirkungsweise dieser informellen Netzwerke beschreibt Herrmann-Pillath in dieser Untersuchung ausführlich an dem Beispiel der organisatorischen Aspekte der Integration zwischen der Wirtschaft Taiwans und der VR China und am Beispiel des institutionellen Wandels im ländlichen Raum.

[45]S. Gorden Redding: The Spirit of Chinese Capitalism, Berlin/ New York 1993, S. 4ff.

[46]Zur Danwei siehe: Oskar Weggel, Alltag in China, Folge 1, Oktober 1993, und Folge 2, Dezember 1993, erschienen in China aktuell; Oskar Weggel, China zwischen Marx und Konfuzius, 2. Auflage, München 1987, S. 67ff.; Jutta Hebel/ Günter Schucher, From Unit to Enterprise? -The Chinese Tan-wei in the Process of Reform, in: Issues & Studies April 1991, S. 24-43; das Verhältnis Individuum/Gesellschaft in der chinesischen Alltagskultur beschreibt: Yu-Chun Kuan/ Petra Häring-Kuan, Kultur-Knigge China, Köln 1990; zum Pau-System als Vorläufer des Danwei-Systems siehe: Gerd Reinhold, Wirtschaftsmanagement und Kultur in Ostasien. Sozial-kulturelle Determinanten wirtschaftlichen Handelns in China und Japan, München 1992.

[47]Eine kontroverse Diskussion zum Stellenwert der Tradition auf die Politik in der VR China findet sich bei: Ulrich Menzel (Hg.): Nachdenken über China, Frankfurt am Main 1990.

[48]Jutta Hebel, Der Betrieb als kleine Gesellschaft. Die Bedeutung des chinesischen Betriebstyps im Prozeß der Reform, in: Soziale Welt 2/1990, S. 222-242.

[49]Robert Kaltenbrunner,Das Zentrum des Reichs der Mitte. Die städtischen Organisationsprinzipien in den Danweis der Altstadt von Peking, in: Die Tageszeitung 29.10.1994.

[50]Liu Suinian/ Wu Qungan, Chinas sozialistische Wirtschaft. Ein Abriß der Geschichte (1949-1984), Beijing 1988, S. 441ff; Ernst Hagemann, Öffnung mit Zugluft. Getrübte Aussichten in der Außenwirtschaft, in: Ulrich Menzel (Hg.), Nachdenken über China, Frankfurt am Main 1990, S. 105ff.

[51]Ulrich Menzel, Das Dilemma der Modernisierung, in: Ulrich Menzel (Hg.), Nachdenken über China, Frankfurt am Main 1990, S. 61ff; Erhard Louven, "Reform" und "Modernisierung" der chinesischen Wirtschaft seit 1976, in: Ostkolleg der Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), VR China im Wandel, Bonn 1985.

[52]Ein historischer Vorläufer dieser nach dem Muster "Chinesische Lehre als Grundlage, westliche Lehre zum praktischen Gebrauch" (zhong xue wei ti, xi xue wei yong) konzipierten Übernahmekonzept ist die Yangwu-Bewegung (Bewegung zur Aneignung ausländischer Dinge) von 1861-1894. Siehe: Mechthild Leutner, "Chinesische Lehre als Grundlage, Westliche Lehre zum praktischen Gebrauch". Der Westen aus der Sicht Chinas am Beispiel der Rezeption der Yangwu-Bewegung, in: Internationales Asienforum1-2/1990, S. 55-70.

[53]Ein Joint Venture ist ein rechtlich selbstständiges Unternehmen, welches von zwei oder mehr von einander unabhängigen Partnern gegründet und geführt wird. Am Erfolg des Joint Venture partizipieren sie über ihre Beteiligung am Eigenkapital, an der Unternehmensführung durch Entsendung von Personal in das Joint Venture und durch die Aufsichtsratsgremien.

[54]Zur aktuellen Außenwirtschaftspolitik der VR China siehe: Ying Li-Rommel, Außenwirtschaftspolitik im Rahmen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Volksrepublik China zwischen Plan- und Marktwirtschaft, Frankfurt am Main 1994.

[55]Siehe: Carsten Herrmann-Pillath, Wirtschaftsregionen Chinas - ein Überblick, in: Wirtschaftswelt China, November 1994-Februar 1995; China Daily 09.01.1994; Handelsblatt 14.03.1994; Far Eastern Economic Review 24.03.1994.

[56]Peter Seidlitz, Chinas Altkommunisten warnen vor der Falle der Wirtschaftsreform. Die alten Geister werden wieder aktiv, in: Handelsblatt 12.10.1994.

[57]Zur weiteren Reform der chinesischen Wirtschaftsstruktur siehe: Resolution des ZK der KP Chinas über einige Fragen zur Errichtung eines sozialistischen Marktwirtschaftssystems, abgedruckt in Beijing Rundschau 48/1993, 30.11.1993, S. 31 50; Nachrichten für  Außenhandel 19.11.1993; Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.11.1993; Nachrichten für Außenhandel 16.11.1993.

[58]Handelsblatt 04.01.1994; China Daily 09.01.1994.

[59]Das folgende Kapitel ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Artikels für das WSI in Düsseldorf mit dem Titel "Arbeitsbeziehungen und Gewerkschaften in der VR China". Das Thema wird hier als Beispiel der Strukturen, Probleme und der Veränderungen in den Formen chinesischer Konfliktregelungen ausgeführt.

[60]Gao Shangquan, Marktwirtschaft und Arbeitskraftmarkt, in: Beijing Rundschau, Nr. 1/94, 04.01.1994, S. 16-18.

[61]Die deutsche Fassung dieser Bestimmungen sind in der in Hamburg erscheinenden Loseblattsammlung "Chinas Recht", IV.2, 12.07.1996 und von 31.07.1987 veröffentlicht.

[62]Jutta Hebel/ Günter Schucher, Das Arbeitsvertragssystem in der VR China - Ein Beitrag zur Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen, in: Osteuropa Recht, 1/90, März 1990, S. 54f.

[63]Jutta Hebel/ Günter Schucher, a.a.O., S. 64.

[64]Zur Einbindung des Arbeitsverhältnisrecht siehe: Hildegard Matthies, Ulrich Mückenberger, Claus Offe, Edgar Peter, Sibylle Raasch, Arbeit 2000. Anforderungen an eine Neugestaltung der Arbeitswelt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, Reinbek 1994, S. 29ff.

[65]Das chinesische Arbeitsgesetz wird ausführlich dargestellt bei: Thomas Kiefer, Arbeitsbeziehungen und Gewerkschaften in der VR China, in: WSI-Mitteilungen, im Erscheinen.

[66]China aktuell, Februar 1994.

[67]Die Tageszeitung 04.11.1993.

[68]Thomas Klebe, "Habt Mut zum Reichtum" (Deng). Materialien zu China, photokopiertes Papier des IGM-Hauptvorstandes, Frankfurt am Main, April 1994, S. 8f.

[69]Friedhelm, Braumann, China (Volksrepublik China, VR), in: Mielke, Siegfried (Hg.): Internationales Gewerkschafts-Handbuch, Opladen 1983, S. 304f.

[70]Yang Xiaobin/ Feng Qing, Die Gewerkschaft und die Reform, in: Beijing Rundschau 7-8/89, 21.02.1989, S. 35ff; Friedhelm Braumann, China (Volksrepublik China, VR), in: Mielke, Siegfried (Hg.): Internationales Gewerkschafts-Handbuch, Opladen 1983, S. 308ff.

[71]Thomas Klebe, a.a.O., S. 9.

[72]Hebel, Jutta/ Schucher, Günter: Arbeitssystem in der VR China... a.a.O.

[73]China aktuell, Dezember 1993.

[74]Frankfurter Rundschau 23.12.93.

[75]China aktuell, März 1994.

[76]Lt: Thomas Klebe, a.a.O.

[77]Ausführlich in: Wolfgang Lechner, Ohne Illosion: Stand und Perspektiven der Arbeitsbeziehungen in Japan, in: Ulrich Menzel (Hg.), Im Schatten der Sieger - Japan, Band 3, Frankfurt/ New York 1989; Wolfgang Lecher, Lernen von Japan? Arbeitsorganisation und Arbeitspolitik als Herausforderung, In: Gewerkschaftliche Monatshefte 5/1994, S. 306-318; Goerdeler, Carl D. Japan - Skizzen aus der Arbeitswelt, Düsseldorf 1983.

[78]Wolfgang Lecher, Lernen von Japan? a.a.O., S. 312ff.

[79]Wolfgang Lecher, Lernen von Japan? a.a.O., 307ff.

[80]Siehe: Thomas Kiefer, Volkswagen in der Volksrepublik China. In: Sung-Jo Park (Hg.): Erfolgschancen der deutschen Automobilindustrie in Ostasien, Berlin 1993, S. 107-153.

[81]Wolfgang Lecher, Lernen von Japan? a.a.O., S. 315ff.

[82]Wolfgang Lecher, Lean-Production und Randbelegschaft in Japan, in: Die Mitbestimmung 6/1993, S. 6f.

[83]Gao Shangquan, a.a.O., S. 18.

[84]James P. Wonach u.a.: Die zweite Revolution in der Autoindustrie, Frankfurt/ New York, 2. Auflage 1991.

[85]Wirtschaftswoche, 16/1993, 16.04.1993, S. 67; China Auto, verschiedene Ausgaben.

[86]China aktuell, Februar 1993, S. 114.

[87]Lt. Auskunft eines Unternehmenssprechers vom November 1993; genauere Zahlen konnten nicht genannt werden.

[88]China aktuell, Dezember. 1993.

[89]China aktuell, Dezember. 1993.

[90]Lt. China aktuell, März 1994, S. 248.

[91]China aktuell, Dezember. 1993, S. 1155, S. 1164f.

[92]China Daily 15.12.1993.

[93]Frankfurter Allgemeine Zeitung 05.02.1993.

[94]China Daily 10.03.1994.

[95]Süddeutsche Zeitung 08.01.1994.

[96]Siehe dazu u.a.: Ruth Bridge, Landflucht in China.: Millionen suchen jährlich Arbeit in der Stadt. Wang arbeitet jetzt in Peking, in: Die Tageszeitung 19.03.1994.; Steuerung der Binnenemigration, in: China aktuell, Januar 1994.

[97]Lt. Interviews und Betriebsbesichtigungen in verschiedenen chinesischen Automobilunternehmen und bei CNAIC, Frühjahr 1992.

[98]Lt. Chinainterviews November 1993.

[99]Ausführliche Bestimmungen in: China aktuell, Februar 1994, S. 136f.

[100]Ausführliche Experteneinschätzungen zu den Arbeitsdienstleistungsgesellschaften finden sich bei: Jutta Hebel, / Günter Schucher, Arbeitssystem in der VR China... a.a.O.

[101]Siehe dazu: Arne Heise: "Capital-Budgeting". - Ein verschütteter Keynes´scher Baustein oder: Wie Beschäftigungspolitik Handlungsspielräume schaffen kann -. In: WSI Mitteilungen 11/1993, S. 709-717; Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie: Das Neue Wohlstandsmodell. Arbeitspapiere zum Symposium am 08. und 09.04.1992 in Wuppertal.

[102]Siehe: Sergio Bologna, Wenn immer mehr Menschen aus gesicherter Arbeit herausfallen. Ein Blick nach Italien und Frankreich: Das Unternehmen als Netzwerk/ Ein Beitrag zur Debatte um die Verkürzung der Arbeitszeit. In: Frankfurter Rundschau 16.02.1994.

[103]Siehe Sonderseite "Beschäftigungspolitik international" in: Handelsblatt 25.03.1994.

[104]Peter Thelen, Wer sitzt im Marakesch-Expreß? Der GATT-Prozeß, in: Die Mitbestimmung 6/1994, S. 57-58; Nachrichten für Außenhandel 18.04.1994; Handelsblatt 21.03.1994.

[105]Welzmüller, Rudolf, Globale Finanzmärkte. Bessere Risikosicherung oder Spielfeld für Spekulanten? in: Der Gewerkschafter 12/1994, S. 34-40; Elmar Altvater, Beschäftigungspolitik jenseits von Nationalstaat und "Arbeitszentriertheit", in: WSI Mitteilungen 6/1994, S. 346-357; Werner Sengenberger, Internationalisierung der Wirtschaft und weltweite Arbeits- und Sozialstandards - ein Überblick, in: Die Mitbestimmung 5/1994, S. 11-14.

[106]Ausführlich bei: Paul Kennedy, In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1993.

[107]Hildegard Matthies, Ulrich Mückenberger, Claus Offe, Edgar Peter, Sibylle Raasch, Arbeit 2000. Anforderungen an eine Neugestaltung der Arbeitswelt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, Reinbek 1994, S.

[108]Günther Schmid, Übergänge in die Vollbeschäftigung. Formen und Finanzierung einer zukunftsgerechten Arbeitsmarktpolitik, Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, Paper FS I 93-208, zweite, überarbeitete Auflage, Berlin 1994; Arne Daniels, Blockade in der Job-Maschine. Weltwirtschaft: Die Zahl der Erwerbslosen erreicht in den Industrieländern Rekordhöhe - künftiges Wachstum alleine kann die Misere nicht beheben, in: Die Zeit 16.07.1994.

[109]Die Studie basiert auf einer mit dem DIW verfassten Untersuchung: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Die Entwicklung des Straßenverkehrs in der Volksrepublik China bis zum Jahr 2000. Chinesisch-deutsche Forschungsarbeit. Projektkoordination: Gerd Bahm (Beiträge zur Strukturforschung, Heft 137), Berlin 1992. Nach telefonischen Rücksprachen mit Unternehmensvertretern von Daimler Benz soll diese Studie weiterentwickelt worden sein. Auskünfte könnten jedoch wegen der Konkurrenz nicht erteilt werden.

[110]Zahlen nach: Zhong Ming/ Herrmann-Pillath, Carsten: Divergierende Wachstumsdynamik in den chinesischen Provinzen: Das Bild der Statistik 1979 1990 (Arbeitsberichte Nr. 3 der Gruppe "Wirtschaft" des "European Project on Chinas's Modernization: Contemporary of Cultural and Economic Change), Köln 1992, S. 28.

[111]Nach: Süddeutsche Zeitung 20.12.1994.

[112]Interview mit Autoritäten. Entwicklungsstrategie für Familienautos. In: Beijing Rundschau 50/94, 13.12.1994, S. 13-18, Zitat S. 15f.

[113]Susanne Rohmund/ Eberhard Krummheuer: Straßenverkehr: Zulassungshürden und Gebühren gegen den Verkehrskollaps. Mit strenger Gebührenpolitik bremst auch Singapur den Autostrom in die Innenstadt, in: Handelsblatt 25.01.1994; Klaus Dürkoop, Singapur dirigiert Autoimport mit Quoten, in: Nachrichten für Außenhandel 07.09.1993; siehe auch Jürgen Dauth, Verkehr in den Städten. Singapur. Wer Auto fahren will, muß zahlen, in: der überblick 3/90, September 1990 S.47-49; Tong Ming Shen, Singapore´s land transport policy and the environment, in: UNEP Industry and Environment January-June 1993, S. 26-27; Die Tageszeitung 17.10.1994.

[114]Aus chinesischer Sicht siehe dazu: Jiang Wandi, Keine Bedrohung für die Weltgetreideversorgung, in: Beijing Rundschau 5/95, 31.01.1995, S. 14-16.

[115]Siehe: Interview: "Das klassische Wachstum ist grober Unfug". Ernst-Ulrich von Weizsäcker im Mittbestimmungs-Gespräch. In: Die Mitbestimmung 2/1994.

[116]Zitiert nach Klaus Boldt, Auto-zentrierte Entwicklungspolitik. Verkehrsförderung- ein Schwerpunkt der Bonner Hilfe, in: der überblick 3/90, S. 15-19.

[117]Die Tageszeitung 23.02.1994.

[118]metall, Nr. 4, 25.02.1994.

[119]Handelsblatt 21.05.1993.

[120]Verband der Automobilindustrie (Hg.): Auto 91/92, Frankfurt am Main 1992, S. 93.

[121]Verband der Automobilindustrie (Hg.): Auto 91/92, Frankfurt am Main 1992, S. 91ff.

[122]Eine Zusammenfassung mit Einzeldaten der Prognosen in: Handelsblatt 21.05.1993; siehe auch: Reinhard Loske, Kompensationsmaßnahmen in der nationalen und internationalen Klimapolitik. Möglichkeiten und Grenzen, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 5/1993, S. 313-317.

[123]Frankfurter Rundschau 20.07.1993.

[124]World Resources Institut, World Resources 1992-93, A Guide to the Global Environment, Towards Substainable Development, New York, Oxford 1992.

[125]Klaus Michael Meyer-Abich, Mobilität auf Kosten der Dritten Welt, in: der überblick 3/90, S. 8.

[126]Nachhaltigkeit als Ausgangspunkt ökonomischer Entwicklung in einer international beachteten Studie wurde 1987 erstmals im Brundland-Bericht gefordert. Danach ist dies eine "Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." Ähnlich Vorstellungen prägen das Konzept der "umwelterhaltenden Entwicklung", das Unternehmensvertreter zum Erdgipfel in Rio 1992 vorstellten. Siehe: Stephan Schmidheiny, Das Konzept der umweltverträglichen Entwicklung, in: Finanzierung & Entwicklung, Dezember 1992, S. 24-27. In der Zwischenzeit ist der Begriff "sustainable Development" bis in die Werbestrategien multinationaler Konzerne eingedrungen, beispielsweise in der ganzseitigen Anzeige der Hoechst AG "Sustainable Development: Für eine neue Qualität des Wachstums" in der Frankfurter Rundschau vom 27.09.1994.

[127]Ein aktueller Überblick bei:  Hermann-Josef Tenhagen, Mehr Lehm am Bau. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt/ Würden sie besser genutzt, entständen neue Jobs, in: Die Tageszeitung 30.04.1994.

[128]Rudolf Petersen/ Ernst Ulrich von Weizäcker: Mobilität ist mehr als nur Verkehr. Lösungsansätze für den Zielkonflikt zwischen Verkehr und Umwelt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 07.06.1994.

[129]Die Tageszeitung 06.12.1994; Siehe auch: Smil, Vaclav: The bad earth. Environmental degradation in China, New York, London 1984.

[130]Reinhard Loske, Chinas Marsch in die Industrialisierung: Gefahr für das Weltklima?, in: Blätter für deutsche und internationalen Politik, Januar 1994, S. 1460-1472.

[131]Reinhard Loske, Ökolumne. Auf nach Berlin, in: Die Tageszeitung.

[132]Siehe: Jürgen Wiemann, Umweltorientierte Handelspolitik: Ein neues Konfliktfeld zwischen Nord und Süd? in: Benno Engels (Hg.), Perspektiven einer neuen internationalen Handelspolitik, Hamburg 1993, S. 59-78; Michael Windfuhr, Handel - Umwelt - Entwicklung. Anmerkungen zur Angemessenheit der internationalen Handelsregeln im Rahmen des GATT, in: Benno Engels (Hg), Perspektiven einer neuen internationalen Handelspolitik, Hamburg 1993, S. 79-88.

[133]Konrad Mrusek, Das Gatt ist nicht mehr für alle Umweltschützer ein Ungeheuer. Bei Öko-Abgaben gilt Freihandel als akzeptabel/ Angst vor Protektionismus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.06.1994; Adam Schwarz, Looking Back at Rio. "Give us trade, not aid": environmental values vs economic growth, in: Far Easter Economic Review 28.10.1993, S. 48-52.

[134]Beispielsweise von der eher distanziert-ablehnenden Haltung der Gewerkschaften; siehe; WSI-Mitteilungen Schwerpunktheft 8/1989, "Ökosteuern und Umweltschutz", zu den zustimmenden integrierten Ansätzen; siehe: Die Mitbestimmung 2/1994 "Kreislauf Wirtschaft".

[135]Helmut Bündner, Europraxis. Ökologischer Umbau des Steuersystems, in: Blick durch die Wirtschaft 18.11.1994.

[136]Handelsblatt 31.08.1994; Einwände gegen die Einführung der Ökosteuer finden sich bei: Heinz Jürgen Schürmann, Ökologische Steuerreform verspricht viel und hält wenig. Standortnachteil durch Alleingang, in: Handelsblatt 22.08.1994; Heinz Jürgen Schürmann, Flexible Spielräume für ökologischen Strukturwandel. Umweltpolitik/ Instrumente für globalen Klimaschutz auf breiter Basis prüfen- Ordnungsrechtliche Eingriffe bisher bevorzugt, in: Handelsblatt 14.11.1994.

[137]Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Hg.), Makroökonomische Wirkungen einer ökologischen Steuerreform, Berlin 1994; Barbara Praetorius, Ökosteuerreform/ DIW für eine allmähliche und aufkommensneutrale Einführung. Beitrag zur umweltverträglichen Gestaltung der Volkswirtschaft, in: Handelsblatt 22.08.1994.

[138]Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (Hg.), Umsteuern mit Ökosteuern? (BDI-Drucksache 278), Köln 1994, S. 7 und 10.

[139]Enquete Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" des Deutschen Bundestages (Hg.), Klimaänderung gefährdet globale Entwicklung. Zukunft sichern- Jetzt handeln, Bonn 1992, S. 60ff.

[140]Wirtschaftswelt China 2/1995.

[141]Nachrichten für Außenhandel 25.01.1995; Nachrichten für Außenhandel 12.01.1995.

[142]Udo E. Simonis, Globale Umweltprobleme. Eine Einführung, Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, Paper FS II 93-408, Berlin 1993; Ernst Ulrich von Weizsäcker, Arbeit und Umwelt. Perspektiven für das 21. Jahrhundert, in: Blatter für deutsche und internationale Politik, September 1993, S. 1047-1060. Der Rahmen für zukunftsfähige bzw. nachhaltige Entwicklung (substainable development) wird nach dem Brundlandbericht wie folgt beschrieben: Zukunftsfähige Entwicklung ist ein Prozeß der Veränderung, in dem die Nutzung der Ressourcen, die Struktur der Investitionen, die Art des technischen Fortschritts und die institutionellen Strukturen in Übereinstimmung gebracht werden mit den zukünftigen und den gegenwärtigen Bedürfnissen" (Weltkommision für Umwelt und Entwicklung (Hg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundland Bericht, Greven 1987, S.9.).

[143]Peter Seidlitz, Wie China die Gänge wechseln will, in: Handelsblatt 14.03.1993; siehe auch laufende Berichterstattung in Beijing Rundschau.

[144]Georg Blume/ Chikako Yamamoto, Die Wirtschaftsmacht Japan will jetzt auch noch die Führungsrolle beim Umweltschutz übernehmen. Die zweite Offensive, in: Zeit-Schriften, Nr. 1/1992, S.33-35; Petra A. Plate, Umweltschutz und Industrieproduktion in Japan. Die ökologische Fabrik "Ecofactory", in: Japan. Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, August 1994, S. 422-429.

[145]Lt. China aktuell, Februar 1994, S. 136.

[146]Lt. Gespräche mit Mitarbeitern verschiedener chinesischer Automobilunternehmen.

[147]Auto motor sport 24/1994, 18.11.1994.

[148]Ausführlich bei: Reinhard Loske/ Fritz Vorholz, In der Energiefalle, in: Zeit-Schriften 1/1992, S. 52-56.; Reinhard Loske, Chinas Marsch in die Industrialisierung... a.a.O., S. 1460-1472.

[149]Lt. Interviews in verschiedenen chinesischen Automobilunternehmen und bei CNAIC, Frühjahr 1992.

[150]Siehe:  Reinhard Loske, Kompensationsmaßnahmen in der internationalen Klimapolitik. Möglichkeiten und Grenzen, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 5/1993, S. 313-317.

[151]Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.03.1994, Süddeutsche Zeitung 26.03.1994, Die Tageszeitung 26.03.1994.

[152]Ausführlich bei: Reinhard Loske, Chinas Marsch in die Industrialisierung... a.a.O., S. 1460-1472.

[153]Ekhard Hahn, Umweltbewußte Siedlungspolitik in China, Frankfurt am Main/ New York 1983, S. 19.

[154] Siehe: Thomas Kiefer, Chinas "Tagesordnung für das 21.Jahrhundert" für eine koordinierte Entwicklung von Umweltschutz und Wirtschaft, in: Blick durch die Wirtschaft 17.08.1994; Interview mit Xie Zhenhua, Leiter des Staatlichen Amtes für Umwelschutz, Die koordinierte Entwicklung von Umwelschutz und Wirtschaft, in: Beijing Rundschau 22/94, 31.05.1994, S. 815.

[155]Gan Kai: Von Lei Feng zu Xu Honggang, in: Beijing Rundschau 17/94, 26.04.1994, S. 3-5.

[156]Wirtschaftswelt China, Dezember 1994.

[157]China aktuell, Januar 1994.

[158]Weggel, Oskar: China. Zwischen Marx und Konfuzius, 2. neubearbeitete Auflage, München 1987, S. 110ff; China aktuell März 1994.

[159]Heilmann Sebastian: Die Armee und die Perspektiven der kommunistischen Herrschaft, in: China aktuell, Januar 1995, S. 21-35; Carsten Herrmann-Pillath, Wachstum und Weltmarktanspruch in China,. in: Aussenpolitik 4/1994, S. 374-382.

[160]Guo Zhenyuan: Perspektiven für die Sicherheitskooperation in der asiatisch-pazifischen Region. In: Beijing Rundschau 28/94, 12.07.1994, S. 17-19; siehe auch: Qian Qichen: Chinas Haltung gegenüber der Sicherheit im asiatisch-pazifischen Raum. Auszug der Rede vor dem Regionalen Forum der ASEAN am 25. Juni 1994, in: Beijing Rundschau 32/94, 09.08.1994, S. 23-24.

[161]Ge Yang, Chinas Aufstieg - eine Gefahr?, in: Beijing Rundschau Nr. 5/95, 31.01.1995, S. 18-20.

[162]Herrmann-Pillath, Carsten: Wachstum und Weltmarktanspruch... a.a.O., S. 364-373; Beijing Rundschau 3/95, 17.01.1995, S. 369.

[163]Zitiert nach China aktuell, September 1994.

[164]Seidlitz, Peter: Die Politischen Reformen beunruhigen Peking, in: Handelsblatt 29.11.1994; siehe auch: Beijings scharfe Kritik an Li Denghuis Äußerungen zu den Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straße. In: China aktuell, Juni 1994, S. 577; Ren Xin, Zurückweisung von Lee Teng-huis separatistischen Worten, in: Beijing Rundschau 29/94, 19.07.1994, S. 23-24.

[165]Nieh, Yu-Hsi, Zur politischen Lage in Taiwan. II. China- und Außenpolitik, in: China aktuell, Oktober 1994, S. 1055-1059; siehe auch: Neue Gespräche fördern die Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straße/ Ge Li, Vergebliche Bemühungen Taiwans, in: Beijing Rundschau 34/94, 23.08.1994, S. 4-5/ S. 15-16.

[166]Li Rongxia, Taiwanesische Investitonen auf dem Festland - Charakteristika und Tendenzen, in: Beijing Rundschau 25/94, 21.06.1994, S. 1618.

[167]Hilscher Gebhard, Kleine und große Ungerechtigkeiten. Der mühsame Weg zurück in die UNO. Peking reagiert mit Druck auf den liberaleren Kurs Taipehs. in: Süddeutsche Zeitung 10.10.1994. Aus Sicht der VR China: Über die sogenannten Repräsentanten Taiwans in der UNO, in: Beijing Rundschau 31/94, 02.08.1994, S. 21-22. Aus der Sicht Taiwans: Dieter Blumenwitz, Die Republik China und die Vereinten Nationen, in: Freies Asien, 18-19/94, 10.10.1994, S. 1.

[168]China aktuell Januar 1994.

[169]Jiang Zemin, Acht Vorschläge zu den Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straße, in: Beijing Rundschau 6-7/94, 14.02.1995, S. 5-6.

[170]Jiang Zemin schließt Gewalt nicht aus - Drohung an die Adresse der Befürworter eines unabhängigen Taiwans, in: Freies Asien 2/94, 17. 02.95, S. 1-3.

[171]Siehe: China aktuell, Januar 1995, S. 18f.

[172]Herrmann-Pillath, Carsten: Wachstum und Weltmarktanspruch in China... a.a.O., S. 364-373; Beijing Rundschau 3/95, 17.01.1995, S. 369.

[173]Volker Stanzel, a.a.O., S. 364-373; Beijing Rundschau 3/95, 17.01.1995, S. 4f.

[174]Die Tageszeitung 03.03.1995; Börsenzeitung 28.02.1995; Handelsblatt 27.02.1995; Wirtschaftswoche 09.02.1995.

[175]Siehe, mit weiteren Literaturhinweisen: Sebastian Heilmann, Beijing unter Druck. Die Nachfolgefrage und die Erosion der Parteiherrschaft, in: China aktuell, Januar 1994, S. 35-44.

[176]Lt. Interviews mit Wirtschaftsvertretern und Politikern November 1993 in Beijing, Shanghai und Guangzhou.

[177]In Changchung ergab eine Überprüfung von 140 Personenkraftwagen, die Kinder in die Schule brachte, daß 104 davon Dienstwagen waren. Dieses und weitere Beispiele über den Mißbrauch von Dienstwagen in: China heute, April 1994, S. 42f.

[178]Beispielsweise: Harald Kaiser: Automobilmärkte. Brüderschaft im fernen Osten. In: Top Business, Januar 1994.

[179]Nach Angaben eines Werksprechers mit Zulagen etwa 1.000 Yuan im Monat.

[180] China aktuell, April 1994; Die Tageszeitung 07.04.1994.

[181]Siehe dazu u.a.: Handelsblatt 22.12.1994; Handelsblatt 04.01.1994.; Li Ming, China. Baldige Mitgliedschaft im Gatt, in: Beijing Rundschau 30.06.1992.

[182]Zitiert nach: Verlag für Fremdsprachige Literatur (Hg.), Dajing. Ein rotes Banner an Chinas industrieller Front, Peking 1972.

[183]Zitiert nach: Paul Thomsen, Flexibilität und Regulierung in chinesischen Unternehmen, in: Schienenstock/ Flecher (Hg.), Flexibilisierung, Deregulierung und Globalisierung, München 1991, S. 77.

[184]Lt. Interviews in verschiedenen chinesischen Automobilunternehmen und bei CNAIC, Frühjahr 1992.

[185]Detlef Rehm: Taiwan will Fahrzeugrecycling einfuhren. Hersteller sollen ihre Fahrzeuge zurücknehmen. Gebühren umstritten, in: Nachrichten für Außenhandel 15.11.1994.

[186]Handelsblatt 28.11.1994; Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.11.1994.

[187]Lt. Interviews in verschiedenen chinesischen Automobilunternehmen und bei CNAIC, Frühjahr 1992.

[188]Das vollständige Interview ist abgedruckt in: XinhuaWenzhai 4/1994, S. 168f.

[189]Siehe dazu auch: Chen Yunquan/ Zhang Deinien, Eine Reihe Aufsätze über die chinesische traditionelle Kultur und die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft, in Zhexue Yanjiu 4/1994, S. 6-13 (in chinesisch); Zhang Sihui, Läßt sich Kultur vermarkten?, in: Zhexue Yanjiu 4/1994, S. 14-18 (in chinesisch); He Zhonghua, Zur Beziehung zwischen Marktwirtschaft und Moral, in Zhexue Yanjiu 4/1994, S. 25-31 (in chinesisch); He Chenghai, Eine Untersuchung der institutionalen Moralordnung bei der Errichtung einer Marktwirtschaft, in Zhexue Yanjiu 4/1994, S. 32-37; Lua Rongqu/ Qian Xun/ He Chengxuan, Eine Reihe Aufsätze über die chinesische traditionelle Kultur und die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft, in Zhexue Yanjiu 5/1994, S. 28-31; Chen Wenhua, Philosophische Überlegungen zum Problem der Umwelt, in: Zhexue Yanjiu 5/1994, S. 32-37.

[190]Konfuzianismus dient der Realität Chinas, in: Beijing Rundschau 42/94, 18.10.1994, S.5-6.

[191]Gan Kai, Von Lei Feng zu Xu Honggang, in: Beijing Rundschau 17/94, 26.04.1994, S. 3-5.

[192]Offizielle Rechtfertigung der Kampagne bei: Huang Wei, Gesunde Tendenzen fördern und ungesunden entgegenwirken, in: Beijing Rundschau 17/94, 26.04.1994, S. 9-14.

[193]Renmingribao und Guangmingribau 19.07.1993; siehe auch China aktuell, Juli 1993, S. 645f.

[194]Renmingribau 22.07.1993; siehe auch ausführlichere Übersetzung mit eher schematischer Wertung in China aktuell Juli 1993, S. 643ff.

[195]In diesem Prozeß wird zur "Entwicklung der sozialistischen geistigen Zivilisation chinesischer Prägung" unter anderem wieder auf Kampagnen zurückgegriffen. Einen aktuellen Überblick der offiziellen Standpunkte liefert das Schwerpunktheft "Gesunde Tendenzen fördern und ungesunden entgegenwirken" der Beijing Rundschau, Nr. 17., 26.04.1994.

[196]Heilmann, Sebastian, Die Menschenrechtsfrage und die westliche China-Politik. In: Europa-Archiv 19/94, 10.10.1994, S. 553-559.

[197]Heberer, Thomas: Volksrepublik China: Transformation oder sozialer Wandel. In: Konrad-Adenauer-Stiftung Auslandsinformationen 8/1994, S. 39-50; Arthur Lewis Rosenbaum (Hg), State and Society in China. The Consequences of Reform, Boulder u.a. 1992.

[198]Paul Kennedy, In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1993; siehe Auch: Paul Kennedy, Die Kluft zwischen Reich und Arm muß jetzt verringert werden, in: Die Tageszeitung 26.07.1994.

[199]Rüdiger Machetzki, Gesteuerte Marktwirtschaft und liberales Welthandelssystem. Erwartungen asiatischer Schwellenländer an die Weiterentwicklung der internationalen Handelspolitik, in: Benno Engels (Hg.): Perspektiven einer neuen internationalen Handelspolitik, Hamburg 1993, S. 186-193, hier S: 189.

[200]Chinainterviews, November 1993.

[201]Unter anderem in: Peter H. Mettler (Hg.), Multinationale Konzerne in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 1985; Klaus Peter Kisker/ Rainer Heinrich/ Hans-Erich Müller, Multinationale Konzerne. Ihr Einfluß auf die Lage der Beschäftigten, Köln 1982; Dieter Senghaas/ Ulrich Menzel, Multinationale Konzerne und Dritte Welt, Opladen 1976; Rainer Hellmann, Die Kontrolle multinationaler Unternehmen, Baden Baden 1974; Klaus Busch, die multinationalen Konzerne. Zur Analyse der Weltmarktbewegung des Kapitals.

[202]Christoph Dörrenbächer/ Michael Wortmann, Konzerne im weltweiten Kaufrausch, in: Die Mitbestimmung 11/1993, S. 68f.

[203]John Kenneth Galbriath, Kritik der "Befriedigungskultur". Auf der Suche nach der gerechten Gesellschaft. Das gute Leben winkt, in: Die Tageszeitung 19.03.1994.

[204]Der Berliner Professor für interkulturelle Beziehungen, Jürgen Zimmer sieht dabei in brasilianischen Straßenkindern eine Vorbildfunktion, die mit sehr unproduktiven Kleinhandel ihr nacktes Überleben sichern müssen: "Die Reichen in den Entwicklungsländer suchen sich durch bürokratische Barrieren die kleinen Unternehmer des informellen Sektors vom Leibe zu halten. Aber die kleinen sind wendig und: small is more Efficient. Wir können von den kleinen Fischen drüben lernen. Sie sind gut trainiert, nicht wehleidig und können mit äußerster Knappheit wirtschaften." In: Die Tageszeitung 30.04.1994.

[205]Auch wenn beispielsweise in der EG nationale Kompetenzen an größere politische Einheiten übertragen werden, hinkt dieser Prozeß den realen ökonomischen Entwicklungen in der Welt weit hinterher.

[206]Lt. Interview mit Willy Bieter, Lean Production and Clean Production Go Hand in Hand - And Require New Thinking, in: INEM Bulletin, Autum 1993, S. 18f.

[207]Thomas Heberer, Traditionale Kultur und Modernisierung. Versuch einer Analyse am Beispiel China, in: Politische Vierteljahreszeitschrift, 2/1990, S. 225f.